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Über den Umbruch am Energiemarkt

Im Interview mit Inge Kloepfer von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach der schwedische Vorstand von Vattenfall Magnus Hall über die Tücken der Energiewende, die Energiewirtschaft im Wandel, Atomkraft aus Schweden und seinen Streit mit der Bundesregierung. Das Interview erschien zuerst bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

Magnus Hall beim FAS Interview am 17.6.2018 © Andreas Pein

Magnus Hall, wer braucht eigentlich noch große Stromkonzerne?

Sie in Deutschland auf jeden Fall.

Sicher? Die Energieproduktion dezentralisiert sich. Gemeinden betreiben Windräder, Hausbesitzer montieren Solarpanele auf Dächer.

Dieser Trend ist vor allem bei Privatverbrauchern zu beobachten. Aber die beanspruchen gerade mal ein Fünftel der gesamten Energiemenge in Deutschland. 80 Prozent fließen in die Industrie. Die wird auch künftig Strom in ganz anderen Mengen einkaufen. Das heißt aber nicht, dass wir die Privatverbraucher außen vor lassen. Im Gegenteil: Wir werden ihnen helfen, ihren eigenen Strom herzustellen. Und wir werden der Industrie Elektrizität mehr und mehr aus erneuerbaren Energien anbieten. Unsere großen Offshore-Windparks sind noch lange nicht obsolet. Die Wasserkraftwerke auch nicht.

Sie haben also keine Sorge um Ihr Geschäftsmodell?

Traditionelle Unternehmen, die mehr als einhundert Jahre alt sind, durchlaufen immer mal wieder Phasen des Umbruchs. Wenn sie gut sind, verändern sie sich. Ihre Fähigkeit, sich zu verändern, ist ihre Stärke. So sehe ich Vattenfall. Die Abkehr von den fossilen Brennstoffen und die Dezentralisierung sind für uns Wachstumsfelder. Wir werden diesen Umbruch für uns nutzen. Schließlich sind wir schon seit zehn Jahren dabei, Vattenfall umzubauen. 

Wie?

Wir bieten unseren Kunden inzwischen sehr viel mehr als einfach nur Strom an, den wir am Jahresende abrechnen. Will der Kunde sein Haus nicht mehr mit Öl, sondern mit Strom beheizen, werden wir das für ihn genauso organisieren, wie wenn er sich Solarzellen aufs Dach setzen und im Keller eine Batterie einbauen lässt. Wenn er ein Elektroauto kauft, wollen wir diejenigen sein, die seine Immobilie mit der Ladeinfrastruktur versehen. Wir werden ihm unsere Plattform zugänglich machen, damit er sein Auto überall mit unserem Strom betanken kann. Wir werden seinen Stromverbrauch optimieren und minimieren helfen. Wir werden also künftig nicht nur Strom und Wärme herstellen und verkaufen, sondern eine ganze Menge anderer Produkte und Dienstleistungen.

Viele neue Unternehmen drängen genau damit auf den Markt.

Aber als Energiekonzern mit langer Tradition sind wir sicher vertrauenswürdiger als so manches Start-up, das jetzt in der Energieversorgung Geld verdienen will und das Geschäft erst lernen muss.

Das ist das typische Argument der Energie-Riesen, die damit ihre Existenz rechtfertigen. Wo soll das Geschäft in Zukunft noch herkommen?

Aus der Elektrifizierung. Wir sind überzeugt, dass die Welt eine Abkehr von fossilen Brennstoffen braucht. Und das funktioniert nur über den Strom.

Sie haben also keine Sorge um Vattenfall. Haben Sie noch nicht einmal Angst vor der Digitalisierung?

Angst ist kein guter Begleiter. Die Digitalisierung bedeutet ja nicht nur, dass sich die dezentrale Stromerzeugung und Stromversorgung besser organisieren lässt. Sie gibt uns auch die Möglichkeit, viel näher an den Kunden heranzukommen. Mehr noch: Wir werden Strom auch viel effizienter speichern können.

Was bedeutet der Umbruch am Energiemarkt für Umsatz und Ertrag?

Vor allem Wachstum, weil sich mit der Transformation so viele neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben. Vor dem Zusammenbruch der Lehman-Bank im letzten Jahrzehnt sah alles so rosig aus. Die Großhandelspreise stiegen damals, wir brauchten auch nicht für CO2-Emissionen zu zahlen. In dieser Zeit haben die Stromkonzerne unglaublich viel verdient. Dann kam die Krise, die Preise brachen ein. Wir mussten unsere Vermögenswerte wie Kraftwerke neu bewerten, aus den Gewinnen wurden deshalb über die Jahre Milliardenverluste. Jetzt haben wir uns darauf eingestellt und das Unternehmen verändert. Wir haben hauptsächlich in Windanlagen investiert, die uns in den kommenden Jahren Gewinne bescheren werden. Wir befinden uns jetzt in einer viel besseren finanziellen Situation und verdienen Geld. Gleichwohl bleibt die Transformation auch ein Prozess des Versuchs und Irrtums. Noch kennen wir viele Antworten nicht.

Zum Beispiel?

Auch wir wissen noch nicht genau, wie diese schöne neue Welt der Elektromobilität wirklich aussehen wird. Wir wissen in Deutschland nicht genau, wie Strom langfristig effizient gespeichert werden soll. Für manches neue Feld fehlt das optimale Businessmodell. Wir wissen aber, dass die Lösungen immer klimaintelligenter werden müssen, wenn wir als traditioneller Energiekonzern überleben wollen.

Betet Ihnen das alles die schwedische Regierung vor?

Der Staat ist kein aktiver Eigentümer. Wäre er das, wären wir wohl kaum so wettbewerbsfähig. Wir haben nicht einen einzigen Politiker oder ein Regierungsmitglied im Verwaltungsrat, sondern nur ausgewiesene Fachleute.

Aus der ostdeutschen Braunkohle ist Vattenfall vor zwei Jahren ausgestiegen. Hätten Sie das auch ohne Druck Ihrer Regierung getan?

Sicher. Die Energiewende wird Kohlekraftwerke über kurz oder lang überflüssig machen und weiter entwerten. Unser Strom soll innerhalb einer Generation nur noch aus Kern- und Wasserkraftwerken, aus Windkraft- und Biogasanlagen kommen. Gas wird übrigens eine große Rolle in der Energieversorgung spielen. Allerdings nicht Erdgas und auch nicht nur Biogas, sondern Wasserstoff. Hier investieren wir viel, ohne dass wir schon wissen, in welcher Form das einmal genau verwendet wird. Die Kunden fahren dann künftig ihre Autos CO2-frei, sie heizen ihre Häuser klimaneutral - immer vorausgesetzt, sie wollen das auch. Aber viele wollen genau das.

Wie weit ist Schweden?

In Schweden gibt es keinen Strom aus fossilen Brennstoffen. Und niemand heizt mit Öl, sondern mit Strom, mit Erd- oder mit Fernwärme. In Deutschland wird immer noch zu 27 Prozent mit Öl geheizt. Am Öl hängen bei uns noch die Mobilität sowie Teile der Industrie- und Agrarproduktion. Wenn es gelingt, diese Felder zu elektrifizieren, verkaufen wir nicht nur viel mehr Strom, sondern auch vieles andere.

Hierzulande müssten sie erst mal die Öltanks aus den Häusern entfernen.

Das ist nicht so einfach. Der Staat müsste Anreize für eine klimafreundliche Umrüstung schaffen, etwa eine nationale CO2-Steuer. Dazu kommt: Strom ist in Deutschland unglaublich teuer, weil im Strompreis viele Steuern und Abgaben wie die Förderung der erneuerbaren Energien enthalten sind. In Schweden versteht das kein Mensch. Warum verteuert man den Strom, wenn man den Verbrauch der fossilen Brennstoffe zurückdrängen will? Wenn man in Schweden mit einem Diesel-Auto 10 Kilometer fahren will, kostet der Sprit dafür einen Euro, der Strom allerdings nur 15 Cent. So werden Elektroautos attraktiv. Und Stromheizungen auch. Aber wenn der Strom teuer ist, dann wird mit ihm nicht gefahren und nicht geheizt. Und auch Wärmepumpen, die Wärme aus der Erde pumpen, sind oft nicht attraktiv, weil der Strom die Pumpe unnötig teuer macht. Dabei könnte Erdwärme in Deutschland helfen, die Klimaziele zu erreichen.

Vattenfall produziert Atomstrom. Das kommt in Deutschland nicht gut an.

Wir haben sieben Reaktoren in Schweden. Und wir werden sie auch behalten. Das ist mehrheitlich von der Gesellschaft und der Politik gewünscht. Atomstrom ist Teil des schwedischen Energiemix, auch wenn die Kernenergie politisch immer wieder umstritten war und ist. Als wir in den 70er Jahren in Schweden unter der Ölkrise litten, war schnell klar, dass wir weniger abhängig vom Öl werden müssen. Wir haben jahrzehntelang Öl und Kohle importiert. Damit sollte nach der Ölkrise Schluss sein.

Sie haben Beschwerde dagegen eingelegt, dass Sie wegen der Energiewende Ihre deutschen Atomkraftwerke in Krümmel und Brunsbüttel nicht mehr in Betrieb nehmen durften. Das Bundesverfassungsgericht hat Ihnen recht gegeben, die Bundesregierung einen dreistelligen Millionenbetrag in Aussicht gestellt. Genug?

Wir sehen nicht ganz, wie die von der Bundesregierung vorgeschlagene Regelung das Urteil des Bundesverfassungsgerichts umsetzt. Wir sind also nicht besonders glücklich darüber. Wir verlangen nicht mehr, als fair behandelt zu werden. In Schweden ist es vor einigen Jahren zu einer ähnlichen Situation gekommen. Schweden hat ein Kernkraftwerk stillgelegt, das einem sehr bekannten deutschen Energieversorger gehörte. Die schwedische Regierung hat mit dem Eigentümer über die vorzeitige Schließung verhandelt und ihn unter anderem mit einer Beteiligung von 30 Prozent an einem unserer größten Kernkraftwerke kompensiert. Die Deutschen wollten damals in erster Linie Erzeugerkapazitäten mit entsprechendem Wert. Und die bekamen sie. Das Ganze war eine faire Angelegenheit. So könnte es auch gehen.

Was bedeutet denn fair für Sie, in Geld gerechnet?

Beim Schiedsgericht in Washington, vor dem wir parallel eine Klage angestrengt haben, plädieren wir auf 4,4 Milliarden Euro Entschädigung. Aber darüber muss jetzt das Gericht entscheiden. Der Ausgang ist völlig offen. Noch mal: Wir respektieren den deutschen Atomausstieg, wir wollen aber im Vergleich zu anderen nicht benachteiligt werden, wie es auch vom Bundesverfassungsgericht festgestellt wurde. Was wir außerdem nicht wollen, ist ein ungeregelter Konflikt mit der deutschen Regierung.

Das Interview erschien am 17.06.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter dem Titel: "Strom ist in Deutschland viel zu teuer" von Inge Klöpfer
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Links

Thilo Boss: Fossilfrei in die Zukunft
Daniel Wetzel: Vattenfall will der erste klimaneutrale Energiekonzern werden
Klaus Stratmann: „Die erneuerbaren Energien müssen weg von Subventionen“  
Björn Hartmann: Vattenfall will geregelten Kohleausstieg und mehr Windkraft


Expertin: Inge Kloepfer

Inge KloepferIch habe in Bonn Chinesisch und in München Volkswirtschaft studiert. Seit mehr als 25 Jahren schreibe ich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - meistens, aber nicht immer und ausschließlich über Unternehmen, Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte, sondern auch über gesellschaftliche Themen. Ich bin Autorin vielbeachteter Bücher, darunter der Bestseller über die Verlegerin Friede Springer und den Star-Dirigenten Kent Nagano.

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