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Berlin soll ohne Kohle auskommen

Im Interview mit Inge Kloepfer von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach die Chefin der Berliner Wärme, Tanja Wielgoß, über ihr Ziel, binnen einer Dekade Berlin kohlefrei und innerhalb einer Generation ohne fossile Brennstoffe zu beheizen. Der Artikel erschien zuerst bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

Tanja Wielgoß verspricht, dass Berlin in einer Dekade ohne Kohle heizt. 

Bekenntnisse zur Energiewende und die Formulierung von Klimazielen sind in Deutschland bisher nicht viel wert. Das will Tanja Wielgoß ändern. Die neue Vorstandschefin der Vattenfall Wärme Berlin AG ist angetreten, um binnen einer Dekade Berlin kohlefrei und innerhalb einer Generation ohne fossile Brennstoffe zu beheizen. "Wir befinden uns mitten in der Energiewende. Damit sind wir in Deutschland einst auch sehr gut gestartet, nur geht es jetzt nicht mehr richtig voran", sagt die Energiemanagerin.

Tanja Wielgoß lenkt als Vorstandsvorsitzende die Vattenfall Wärme Berlin AG

Tatsächlich: Deutschland wird die vereinbarten Klimaziele deutlich verfehlen. Im Vergleich zum Jahr 1990 sollten bis 2020 40 Prozent weniger Treibhausgase emittiert werden. Das aber wird nicht zu schaffen sein. Zu nachlässig sind Politik und Wirtschaft bisher mit diesem Thema umgegangen. Umweltschützer sprechen schon von einem verlorenen Jahrzehnt. Mehr noch: Für das Verfehlen werden die deutschen Steuerzahler zweistellige Milliardenbeträge aufwenden müssen, um die Verschmutzungsrechte zu finanzieren, die Deutschland von anderen Ländern kaufen müssen wird, die beim Klimaschutz weiter sind.

Wielgoß ist seit einigen Monaten Chefin der Tochtergesellschaft Vattenfall Wärme Berlin AG und fest entschlossen mitzuhelfen, der klimapolitischen Erschlaffung zumindest für die Stadt Berlin einen ordentlichen Schub zu versetzen. Gelingt ihr das, könnten andere Städte nachziehen. Das kleine Bremen setzt sogar noch einen drauf. Nach dem Willen der neuen rot-grün-roten Landesregierung steigt die Stadt schon 2023 aus der Kohle aus.

"Wohnen ohne fossile Brennstoffe innerhalb einer Generation - das ist schon mal eine sehr konkrete Ansage für die nächsten zwei Dekaden", sagt sie. Der erste Schritt auf dem Weg dorthin besteht nach ihren Worten darin, die Wärme in Berlin innerhalb der nächsten 10 Jahre ohne Kohle zu produzieren.

Noch ist der Kohlelagerplatz der Vattenfall Steinkohle-Heizkraftwerke Reuter und Reuter West gefüllt. Gegenwärtig entsteht an diesem Standort Deutschlands größte Power to Heat-Anlage.

Man muss wissen: Berlin wird von der Vattenfall-Tochtergesellschaft mit Fernwärme versorgt. Und die kommt - zumindest teilweise - aus drei großen Kohleheizkraftwerken. "Wir haben uns dieses Ziel lange vor den nun ausgehandelten Kompromissen der Kohlekommission gesetzt", fügt sie hinzu. "Wir" - das ist der schwedische Staatskonzern Vattenfall, der seit 2012 unter den klaren politischen Vorgaben arbeitet, sich weg von der Energieerzeugung auf Basis fossiler Brennstoffe und Kernkraft hin zu regenerativen Energien zu bewegen. Die Vorgabe, die Berliner Fernwärme binnen einer Generation endlich sauber zu erzeugen, stammt somit nicht von Wielgroß selbst, sondern von der Konzernspitze. Aber sie ist die Change-Managerin auf dem Berliner Terrain, ist genau für diese Aufgabe geholt worden und auch nur deswegen überhaupt gekommen. Fast könnte man Tanja Wielgoß als Klima-Aktivistin bezeichnen, denn klar ist auch: "Ohne dieses Ziel wäre ich heute nicht bei Vattenfall." Sie ist nicht die Einzige, die diese konkrete Aufgabenstellung fasziniert. Es gibt eine Reihe neuer Mitarbeiter, die genau aus diesem Grund zu Vattenfall stoßen.

"Dass wir etwas tun müssen, daran gibt es überhaupt keine Zweifel", sagt Wielgoß und meint nicht nur Berlin, sondern die Menschheit und ihr Klima-Problem. Deshalb hegt sie auch große Sympathie für das jüngst erwachte Umweltbewusstsein der Schüler und ihrem Engagement für "Fridays for Future". "Ich finde das schon gut", sagt die Mutter von zwei Kindern im Alter von 8 und 10 Jahren. "Wenn man will, dass sich was bewegt, braucht man Aufmerksamkeit." Und die bekommen die Schüler nur, wenn sie für ihr Ansinnen Regeln brechen und nicht nach, sondern während des Unterrichts auf die Straße gehen. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg habe das sehr lange gemacht, vollkommen unbemerkt. Jetzt sei daraus eine Bewegung geworden, ein, wie Wielgoß es nennt, Weckruf für das Establishment, zu dem sie selbst immerhin auch gehört.

Über die Energiewende zu sprechen ist nicht kompliziert, sie Schritt für Schritt umzusetzen schon. Die Herausforderung dabei ist es, den Ausstieg so anzugehen, dass sich der Wandel auf Dauer auch wirtschaftlich trägt und nicht nur auf Verzicht gründet. Sonst nämlich würde ihn niemand umsetzen wollen, weil Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Gegenwart näher ist als die Zukunft. Wenn in Berlin gelingt, was andere Städte sich nicht trauen, dann könnte die Hauptstadt tatsächlich Vorbild werden.

An der Berliner Wärme GmbH kann man sehr gut studieren, wie diffizil ein grundsätzlicher Wandel ist, der sich auf lange Sicht auch betriebswirtschaftlich lohnt. Es sind zwar noch 11 Jahre, bis die Berliner Wärme frei von Kohle ist, aber es hängt eben auch eine ganze Menge dahinter. 20 Prozent der Berliner Energieversorgung sind immer noch kohle-basiert und 20 Prozent der Klimaziele des Landes Berlin für 2030 könnten mit Hilfe von Vattenfall Wärme erreicht werden. In Berlin betreibt Vattenfall drei große Standorte, die historisch immer schon auf Kohle gesetzt haben: die Steinkohle-Heizkraftwerke Reuter, Reuter West und Moabit, die die Umwelt mit ungefähr 5 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) belasten.

Seit 2013 ist im Moabiter Heizkraftwerk Biomasse (Holz) ein Teil des Brennstoffes. Doch Hauptbrennstoff ist Steinkohle. Die angestrebte Wärmewende wird auch das verändern.

Die Heizkraftwerke sollen nach und nach entweder ganz vom Netz genommen, auf andere Brennstoffe umgestellt oder die von ihnen produzierte Wärme durch neue Technologien ersetzt werden. Das schwierigste sei die Auswahl: "Das müssen Zukunftstechnologien sein, die sich die kommenden Jahrzehnte bewähren", sagt die Managerin.

Im Moment ist sie gemeinsam mit dem Land Berlin dabei, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen, ob und wie der Kohleausstieg gelingen kann. Im Herbst wird diese fertig sein. Dann stünde fest, wie die regulatorischen Rahmenbedingungen aussehen sollten. Auch mit Blick auf den Bund gibt es noch etliche offene Fragen: Welche Förderung wird es geben? Wie stark wird nicht nur die Fernwärme im europäischen Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten eingebunden, sondern auch andere Arten der Wärmeversorgung? Vor allem: Welche Kosten werden dadurch entstehen? "Davon hängt auch für uns sehr viel ab", sagt die Managerin.

Sie weiß: Berlin ist ein sehr schwieriges Pflaster für solch einen wärmetechnischen Paradigmenwechsel. Denn Vattenfall muss die Wärme künftig auf Basis eines neuen Energiemix produzieren. Anders als viele andere Großstädte gibt es in der Hauptstadt nur wenig industrielle Abwärme. "Die entsteht hier vor allem bei der Müllverbrennung, aber auch das ist nicht verlässlich, weil die Abfallmengen ja sinken sollen."

Wielgoß stand vor ihrem Wechsel zu Vattenfall an der Spitze der Berliner Stadtreinigung Berlin BSR, dem kommunalen Entsorgungsunternehmen mit rund 5400 Mitarbeitern, und weiß deshalb, wovon sie spricht. Auch auf Erdwärme kann man in der Hauptstadt nicht wirklich setzen. Sonnenenergie sei da schon verlässlicher. Vattenfall betreibt ein riesiges Solarfeld außerhalb Berlins. Doch mit weiteren Flächen für Solaranlagen vor allem innerhalb der Stadt kann sie nicht rechnen. Dabei müssen im Wärmemix der Zukunft die regenerativen Energien eine größere Rolle spielen über neue Power-to-Heat-Anlagen, die aus Strom Wärme machen. Es gebe zum Beispiel außerhalb Berlins Windparks, deren Räder häufig stillstünden, weil genügend Strom im Netz sei. "Wir könnten dieses Potential für den Ballungsraum komplett nutzen, um damit die Stadt regenerativ zu wärmen", sagt Wielgoß.

Vor allem aber gibt es einen ganzen Strauß unterschiedlicher Interessen. Deshalb ist der Prozess nur gemeinsam mit dem Land Berlin, mit den NGOs, mit den Gewerkschaften und der Wohnungswirtschaft zu bewerkstelligen. Mehr noch: So ein Wandel kostet richtig Geld. Vattenfall wird rund eine Milliarde Euro in den Berliner Kohle-Ausstieg investieren müssen, um ihn am Ende so zu stemmen, dass im Winter niemand friert. Und schließlich muss Wielgoß die Mitarbeiter mitnehmen und für den Wandel motivieren. Braunkohlewerke zu verkaufen oder zu schließen ist das eine. Technologien komplett zu ersetzen ist die eigentliche Kernerarbeit.

Beendet wäre ihr Job damit allerdings noch nicht. Die nächste Dekade würde sie sich dann dem Abschied vom Gas widmen müssen, den der Vattenfall-Konzern auch versprochen hat und der dringend notwendig wird, damit Berlin 2050 das selbstgesetzte Ziel, klimaneutrale Stadt zu werden, auch erreicht. Bis zum Jahr 2050 will der Berliner Senat die Kohlendioxidemissionen um mindestens 85 Prozent bezogen auf das Basisjahr 1990, reduziert haben.

"Es sind so viele Bälle in der Luft - wir wissen wirklich noch nicht, welche Technologien wir nach 2030 nutzen", sagt Wielgoß. Doch ist sie zuversichtlich, dass es zu sehr guten Lösungen kommen wird, weil immer mehr Menschen an den neuen Technologien und ihrem Einsatz arbeiten. Am besten aber findet sie, dass es konkrete Ziele gibt - nicht nur für sich selbst, auch für die 1700 Mitarbeiter, die sich der Energiewende zum Teil begeistert, zum Teil noch vorsichtig verschreiben. "Wenn man sich Ziele setzt, erreicht man sie auch." So hat sie es schließlich ihr ganzes Berufsleben lang getan. Wenn ihr die Transformation gelingt, könnte Tanja Wielgoß eines der Gesichter der Energiewende Berlins werden.

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Experte Inge Kloepfer

Ich habe in Bonn Chinesisch und in München Volkswirtschaft studiert. Seit mehr als 25 Jahren schreibe ich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - meistens, aber nicht immer und ausschließlich über Unternehmen, Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte, sondern auch über gesellschaftliche Themen. Ich bin Autorin vielbeachteter Bücher, darunter der Bestseller über die Verlegerin Friede Springer und den Star-Dirigenten Kent Nagano, und Filmemacherin. Mein neuestes Werk, ein Film über Birgit Breuel, die ehemalige Präsidentin der Treuhandanstalt ist am 23. Juli bei ARTE, am 19. August in der ARD und im September 2019 beim MDR zu sehen.

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