Berlin City

3 Fragen an Tanja Wielgoß zum Weg zur Klimaneutralität

Vattenfall will bis zum Jahr 2040 Klimaneutralität erreichen. Auf dem Weg zu diesem Ziel werden wir bis 2030 unsere CO2-Emissionen im Vergleich zu 2017 um 77 Prozent verringern. Unsere Wärmeerzeugung in Berlin muss nahezu vollständig umgebaut werden. Das erfordert einerseits enorme Investitionen, andererseits aber auch Rahmenbedingungen, die eine solche Transformation unterstützen.

Im Interview spricht unsere Berliner Wärmechefin Tanja Wielgoß über Voraussetzungen zur Erreichung der Klimaneutralität.

1.    Tanja Wielgoß, wie verhindern wir Fehlinvestitionen auf dem Weg zu unserem ambitionierten Ziel?

Tanja Wielgoß: Wir haben uns bereits jetzt sehr intensiv mit dem bzw. den Zielszenarios für 2040 beschäftigt und so ein klares Bild, welche Optionen möglich sind. Von hieraus rückwärts geplant, investieren wir so, dass alle für uns denkbaren Zielbilder mit dem, was wir jetzt tun, umsetzbar bleiben.

Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass wir uns nicht nur als einzelnes Unternehmen mit dem konkreten Pfad zur Klimaneutralität befassen, sondern dass dies auch übergreifend im, mit und durch das Land Berlin passiert. Denn wir müssen sektorübergreifend denken: Strom, Wärme und Gas zusammen betrachten. Auf diese Weise können wir sicher stellen, dass die Konsequenzen von Investitionen kalkulierbar sind.

Unternehmen brauchen Planungssicherheit, gerade wenn sie so hohe Summen in die Klimaneutralität investieren. Wir gehen zum Beispiel davon aus, dass Deutschland nach dem Kohleausstieg stärker als zuvor auf die Versorgung mit Gas angewiesen sein wird – gerade dann wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Deshalb werden wir in den nächsten Jahren auch gasbetriebene Anlagen bauen müssen. Wir brauchen die Gewissheit, dass wir diese auch in den 2030er Jahren noch betreiben dürfen.

Natürlich bereiten wir uns außerdem auf die Umrüstung auf Wasserstoff vor. Bezahlbar dürfte dieser Energieträger aber frühestens Mitte der 2030er, vielleicht sogar erst in den 2040er Jahren sein.

2.    Kann die Politik diesen Transformationsprozess unterstützen?

Sie muss es sogar. Ohne die Politik auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene wird er nicht gelingen. Wir halten sehr anspruchsvolle, uns an die Grenzen bringende Ziele – wie zum Beispiel das der vollständigen Klimaneutralität bis 2040 – für gut und setzen sie uns daher sogar selber. Sie motivieren uns und bringen uns dazu, das Maximum zu erreichen.

Es hilft uns aber nicht, wenn Zielgrößen ohne Betrachtung der technischen Machbarkeit und der Kosten festgelegt werden. Genau das ist aber gerade im Land Berlin mit einer Erhöhung des Ziels für den Anteil erneuerbarer Energien in der Stadtwärme bis 2030 auf 40 Prozent geschehen – eine Anforderung also nur für das mit Abstand umweltfreundlichste Drittel des Wärmemarktes.

Mit dem Kohleausstieg hatten wir eine Steigerung des Erneuerbare-Energieanteils in unserem Netz von 7 auf 18 Prozent vorgesehen. Wir haben uns selbst vorgenommen, diesen Anteil nochmal auf 30 Prozent zu steigern und dies auch in vielen Gesprächen mit den verantwortlichen Personen der Stadt diskutiert. Diese 30 Prozent bis 2030 erfordern eine massive Kraftanstrengung. Ob und wie dieser Anteil bis auf 40 Prozent erhöht werden kann, werden wir nun noch einmal genau untersuchen. Dabei gucken wir auf technische, aber auch genehmigungsrechtliche Machbarkeit sowie die Kosten – bei den letzten beiden Aspekten werden wir von unserer Seite das Gespräch mit politischen Verantwortungsträgerinnen und -trägern suchen. Wir brauchen gerade auch mit Blick auf das Tempo und die Bezahlbarkeit der Energiewende gemeinsame Antworten.

Auch bei anderen Themen wünschen wir uns einen konstruktiven Dialog, um Akzeptanz für unsere Investitionsvorhaben zu schaffen. Ein positives Beispiel ist hier die Nachhaltigkeitsvereinbarung mit dem Land Berlin, die wir vor der Sommerpause gemeinsam unterzeichnet und in der wir klare Kriterien für nachhaltige Biomasse erneut festgeschrieben haben.

3.    Sind wir mit klimaneutraler Wärme wettbewerbsfähig?

Bis vor wenigen Jahren war der Preis das alles Entscheidende bei Kundengesprächen. Das hat sich verändert. Heute wird nach der ökologischen Qualität und nach den CO2-Emissionen gefragt. Der Druck auf ImmobilienbesitzerInnen und BauträgerInnen, eine klimaschonende Wärmeversorgung sicherzustellen, ist gewachsen. Trotzdem dürfen wir natürlich den Preis nicht aus dem Blick verlieren. Wir haben mit unserer Stadtwärme einen Marktanteil von knapp einem Drittel, das heißt zwei Drittel werden auf andere Weise bereitgestellt. Gegen diese anderen Lösungen – vor allem Ölkessel, die noch immer 20 Prozent der Wärmeversorgung in Berlin ausmachen, und Gasthermen - müssen wir im Wettbewerb bestehen. Dabei hilft uns neben dem in einer Großstadt sehr wichtigen Vorteil des geringen Platzverbrauchs unserer Stadtwärme, dass wir für unsere Kundinnen und Kunden die Dekarbonisierung der Wärme vollständig selbst übernehmen. Sie müssen sich also über Klimaschutz bei der Wärmeversorgung keine Gedanken mehr machen.

Um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen wir gleiche Rahmenbedingungen für alle Marktteilnehmenden – hier haben wir vor allem die Wärmelieferverordnung im Blick, die noch heute fatale Anreize für Fehlinvestitionen setzt. Außerdem sollten wir alle natürlich auf den CO2-Preis gucken, den wir über den europäischen Emissionshandel bereits seit 2005 bezahlen. Heute sind wir mit einem CO2-Preis von rund 60 EUR mehr als doppelt so stark betroffen wie die Konkurrenz, die überhaupt erst seit Beginn des Jahres eine, wenn auch deutlich geringere CO2-Abgabe in Höhe von aktuell 25 EUR bezahlt.

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