"Großbatterien brauchen Markt- und Preissignale"
Während heute rund 39 Prozent des Stroms aus wetterabhängiger Erzeugung kommt, könnten es im Jahr 2035 bereits 73 Prozent sein – und den Bedarf an flexiblen Speichern weiter erhöhen. Als Reaktion auf diese Entwicklung will Vattenfall in den kommenden Jahren umfassend ins Geschäft mit Großbatterien investieren – sowohl was die Entwicklung als auch die Vermarktung von Strom aus Batteriespeichern angeht.
Im Interview mit ZfK spricht Daniel Schwarz über das Timing und die wirtschaftlichen Ziele von Vattenfall beim Einstieg in die Vermarktung von Batteriespeichern.

Daniel Schwarz: "Vattenfall will in Deutschland etwa 300 Megawatt Batteriespeicher pro Jahr fertigstellen."
Ende vergangenen Jahres hatte Vattenfall seinen Einstieg in die Vermarktung von Batteriespeichern angekündigt. Dabei ist der schwedische Energiekonzern auf diesem Gebiet wahrlich kein Neuling. "Trotz gesunkener Preise wächst die Bedeutung von Batteriespeichern, weil auch der Erneuerbarenanteil weiter steigt", sagt Daniel Schwarz, der bei Vattenfall die Vermarktung flexibler Speicher und Anlagen mit aufgebaut hat, im Gespräch mit der ZfK. Damit diese Speicher ihr volles Potenzial für das künftige Energiesystem entfalten können, seien Markt- und Preissignale notwendig, betont er.
Herr Schwarz, Vattenfall hat erst im Oktober 2024 den Einstieg in die Vermarktung von Batteriespeichern bekanntgegeben. Kommen Sie nicht zu spät?
Daniel Schwarz: Tatsächlich sind wir schon seit Jahren in der Vermarktung flexibler Anlagen aktiv, da wir unsere eigenen Anlagen kontinuierlich in den Handel einbringen und in sämtliche relevanten Erlösströme integrieren. Hinzu kommen externe Anlagen aus der Direktvermarktung. Das tun wir tatsächlich schon seit längerer Zeit, insbesondere seit den späten 2010er-Jahren. Für uns ist das mittlerweile ein fester Bestandteil unseres Geschäfts.
Was sich jedoch verändert hat, ist unser Ansatz, dieses Know-how stärker für den Markt zugänglich zu machen. Wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere Handels- und Optimierungskompetenzen breiter aufzustellen – insbesondere im Bereich virtueller Speicherlösungen, Batteriespeicherprojekte und weiterer Flexibilitätsoptionen.
Wie groß ist das Portfolio aktuell?
In den vergangenen Jahren waren unsere eigenen flexiblen Assets vollständig ausgelastet - insbesondere unsere Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland, die eine installierte Leistung von rund 2,7 Gigawatt haben. Dazu haben wir flexible Anlagen in den Niederlanden und Großbritannien. Diese bringen wir aktiv in den Markt ein.

Batteriespeicher des niederländischen Energieparks Haringvliet Zuid (Vattenfall)
Aktuell konzentrieren wir uns verstärkt auf Großbatterien anderer Marktteilnehmer, die von Vattenfall zu einem Fixpreis unter Vertrag genommen und für einen bestimmten Zeitraum wie eine eigene Anlage bewirtschaftet werden. Vattenfall plant, auf diese Weise in den kommenden Jahren bis zu 1,5 Gigawatt Großbatterieleistung im Strommarkt zu platzieren.
Unser Fokus liegt derzeit klar auf dem deutschen und schwedischen Markt, mit einer schrittweisen Expansion in die Niederlande. In Großbritannien sind wir bereits aktiv, wenn auch nicht in der Breite, die wir in Deutschland erreichen. Dort spielt auch das regulatorische Umfeld eine entscheidende Rolle, das hierzulande positiv zur Marktentwicklung beiträgt.
Der Wert von Flexibilitätsoptionen, insbesondere bei Batteriespeichern, ist enorm gestiegen.
Wie nehmen Sie den Markt aktuell wahr?
Die enorme Dynamik in diesem Markt hat sich insbesondere in den Jahren 2022 und 2023 durch hohe Energiepreise und eine gleichbleibend hohe Volatilität entwickelt. Dadurch ist der Wert von Flexibilitätsoptionen enorm gestiegen, insbesondere bei Batteriespeichern, die sich inzwischen in größerem Maßstab umsetzen lassen. Die Skalierbarkeit und die zunehmende Optimierung entlang verschiedener Märkte – nicht nur in der Regelenergie, sondern auch im Spot- und Intraday-Markt – haben dazu geführt, dass wir diesen Bereich nun intensiv ausbauen.
Wo sehen Sie Ihre Rolle dabei?
Für unsere Kunden sind wir ein starker Partner für Finanzierbarkeit, Sicherheit und Professionalität: Wir prüfen die Spezifikationen, identifizieren Optimierungspotenziale und helfen Projektentwicklern, ihre Lieferanten gezielt anzusprechen, um technische Verbesserungen vorzunehmen.
Wenn das Konzept steht, übernehmen wir als integriertes Energieunternehmen eine entscheidende Rolle: Wir garantieren eine feste Marktprämie für die installierte Flexibilität des Speichers über einen erheblichen Zeitraum – gemessen an der Lebensdauer der Batterie. Das sichert dem Projekt stabile Einnahmen und erhöht die Finanzierbarkeit, was wiederum entscheidend für Banken und Investoren ist.
Wir befinden uns jetzt in einer Marktphase, in der sich die Branche von einem anfänglichen Hype zu einer skalierbaren Lösung entwickelt. Institutionelle Investoren steigen zunehmend ein – nicht mehr nur auf Eigenkapitalbasis, sondern auch mit Fremdfinanzierung. Sobald Banken involviert sind, rückt das Thema Sicherheit in den Fokus: Wer ist der Vertragspartner? Wie stabil ist das Geschäftsmodell? Eine Speicherpartnerschaft mit Vattenfall hat deshalb Vorteile für beide Seiten.
Gibt es eine strategische Priorisierung zwischen Primär- und Sekundärmärkten?
Schon heute sehen wir im Primärregelenergiemarkt eine zunehmende Dominanz von Batteriespeichern gegenüber fossilen Anlagen. Dieser Trend wird sich fortsetzen und sich sukzessive auch auf tiefere Märkte ausdehnen. In dieser Entwicklung spielen intelligente Handelsalgorithmen eine entscheidende Rolle. Wir setzen verstärkt auf den Spot- und Intraday-Markt, da hier die zunehmende Last aus erneuerbaren Energien immer mehr Relevanz erhält.
Es gibt Analysen, die sich mit Preisspitzen und ihrer Dauer befassen. Die meisten Preissprünge lassen sich mit Kurzfristspeichern ausgleichen.
Bei den Projekten setzen wir stark auf Co-Lokation.
Welche Projektgrößen bewegen sich denn in Ihrer Pipeline?
Was unsere eigene Entwicklungs-Pipeline angeht, plant Vattenfall, in Deutschland neben 500 Megawatt an neuer Solarkapazität etwa 300 Megawatt Batteriespeicher pro Jahr fertigzustellen. Bei den Projekten setzen wir stark auf Co-Lokation. Das bedeutet, dass wir Netzanschlusskapazitäten gemeinsam für PV-Anlagen und Großbatterien nutzen. Diese Kombination ist sinnvoll, weil wir korrespondierende Einspeiseprofile haben und die Flexibilität optimal nutzen können. Zudem ermöglicht es eine effizientere Kostenverteilung, insbesondere bei den Netzanschlusskosten. Aber auch sogenannte Standalone-Batteriespeicher sind für uns interessant.
Welche Rolle könnten die Batteriespeicher bei der Netzstabilisierung spielen. Und müssen sie das überhaupt?
Zunächst glaube ich, dass wir die überhitzte Hype-Phase von 2022/23 hinter uns gelassen haben. Damals waren die Strompreise so hoch, dass sich fast jedes Projekt gelohnt hat. Jetzt kehrt mehr Rationalität ein.
Grundsätzlich gilt: Trotz gesunkener Preise wächst die Bedeutung von Batteriespeichern, weil auch der Erneuerbarenanteil weiter steigt. Die Energieerzeugung hängt dadurch immer stärker vom Wetter ab. In diesem Kontext tragen flexible Speicher wie Großbatterien aber auch Pumpspeicherwerke zur Netz- und Preisstabilität bei.
Großbatterien entlasten Preise und Netze, indem sie Strom immer dann zur Verfügung stellen, wenn sie dem Strommarkt den größten Nutzen bringen – also bei hoher Erzeugung und geringer Nachfrage einspeichern und bei niedriger Erzeugung und hoher Nachfrage ausspeichern.
Eine Wegscheide für die Speichertechnologien wird insbesondere das zukünftige Marktdesign sein. Damit Speicher ihr volles Potential für das Energiesystem der Zukunft entfalten können, brauchen sie Markt- und Preissignale. Deswegen sollte bei den anstehenden Diskussionen zum Marktdesign, insbesondere bei einem möglichen Kapazitätsmechanismus, darauf geachtet werden, dass staatliche Subventionen für andere Technologien (wie beispielsweise Gaskraftwerke) diese wichtigen Preissignale nicht zu sehr verwässern. Sonst wird es am Ende insgesamt für alle teurer. Es ist gut, dass eine neue Bundesregierung hier noch einmal neu diskutieren will.
Aktuell dominieren vor allem Zwei-Stunden-Speicher den Markt.
Wie vermarktet konkret Vattenfall einen Batteriespeicher in einer Hochpreisphase?
Wir setzen auf ein Geschäftsmodell, bei dem wir Strom in Zeiten niedriger Preise einspeichern und in Hochpreisphasen wieder abgeben. Zudem stellen wir Regelenergie bereit, um das Netz zu stabilisieren. Unsere Handelsstrategie orientiert sich an kurzfristigen Marktbewegungen, sodass wir flexibel auf Schwankungen reagieren können. Ein standardisiertes Produkt gibt es in dem Sinne nicht, da jeder Speicher individuelle Einsatzmuster hat. Wir optimieren jedoch fortlaufend unsere Strategien, um die bestmöglichen Erträge zu erzielen.
Über welche Zeiträume und Leistungswerte sprechen wir dabei? Können Sie ein Standardprodukt oder eine typische Anlage beschreiben, die Sie vermarkten?
Wir bewegen uns hier in einem mittleren zweistelligen installierten Megawattbereich – das ist der gängigste Typ von Batteriespeichern. Aktuell dominieren vor allem Zwei-Stunden-Speicher den Markt.
Mittelfristig sehe ich eine Entwicklung hin zu tieferen Speichern, ähnlich unseren Pumpspeicherwerken. Diese haben durchschnittlich sechs Stunden Speicherkapazität – manche vier, fünfeinhalb oder sogar acht Stunden. Sie bieten zwar mehr Flexibilität und erfüllen - wie etwa die Pumpspeicherkraftwerke durch ihre Schwarzstartfähigkeit – wichtige Funktionen für das Energiesystem, gehen aber mit längeren Lade- und Entladezeiten einher.
Momentan sind auf dem Markt jedoch vor allem Zwei-Stunden-Batteriespeicher gefragt, die über einen festen Netzanschluss verfügen und auf einem etablierten Proof of Concept basieren. Das ist nicht immer einfach, weil wir uns in einem innovativen, noch nicht vollständig erschlossenen Bereich bewegen.
Warum gibt es keine tragfähigen Geschäftsmodelle für langfristige Speicherlösungen?
Der Markt hat sich bisher entlang der marginalen Speichereinheiten entwickelt: Erst kamen Ein-Stunden-Speicher, dann Zwei-Stunden-Speicher, jetzt sehen wir eine Verschiebung hin zu vier Stunden. Der nächste Schritt wären acht oder zehn Stunden, aber das ist noch nicht etabliert. Eine wichtigere Herausforderung ist aus meiner Sicht weiterhin die kurzfristige Flexibilität. Sobald wir hier eine ausreichende Entwicklung und Reife erreicht haben – ähnlich wie bei der Flexibilität im Strommarkt – werden wir uns zunehmend auch mit langfristigen Speicherlösungen befassen.
Diese sind schwerer zu finanzieren, weil sie seltener benötigt werden – ähnlich einer Versicherung, die man hoffentlich nicht in Anspruch nehmen muss. Für solche Fälle könnte eine staatliche Unterstützung sinnvoll sein, um Investitionssicherheit zu schaffen.
Eine solche Maßnahme müsste jedoch gut durchdacht sein, damit sie nicht zu einer ineffizienten Überdimensionierung führt.
Das Interview führte Artjom Maksimenko.
Das Interview ist zuerst bei der ZfK online erschienen:
"Die überhitzte Hype-Phase bei Batteriespeichern von 2022/23 haben wir hinter uns gelassen": Zeitung für kommunale Wirtschaft
Mehr zu den Batteriespeichersystemen bei Vattenfall:
Batteriespeichersysteme - Vattenfall