"Ausstieg aus den Fossilen - überall, wo es geht!"
- Robert Zurawski verfolgt eine „fossilfreie“ Strategie: ohne Kohle und Gas in der Stromerzeugung, auch weil er dauerhaft hohe Gaspreise erwartet.
- Die Gesetzentwürfe der Bundesregierung gingen bei Gesamtbetrachtung in die richtige Richtung, er warnt aber vor einem Ausbremsen der Erneuerbaren.
- Die Hauptbaustellen seien Netze, Speicher und Flexibilität; die Investitionsanreize dafür reichten noch nicht.
- Vattenfall wird nicht an Gaskraftwerks-Ausschreibungen teilnehmen.
- Zurawski kritisiert Unsicherheiten bei Netzentgelten (Vertrauensschutz).
- Er hält neue Atomkraft in Deutschland für zu langsam und systemisch wenig passend.
Robert Zurawski, Chef von Vattenfall Deutschland, wurde von Nadine Bös und Hanna Decker für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) interviewt. Aus diesem Gespräch entstand der nachfolgende Artikel.

Vattenfall war mal einer der großen, schmutzigen Stromkonzerne. Jetzt macht sich Deutschlandchef Robert Zurawski für die Erneuerbaren stark. Aber ein bisschen anders als andere Energieriesen hierzulande.
Von Nadine Bös, Düsseldorf, und Hanna Decker, Frankfurt
Robert Zurawski hat so etwas wie ein Lieblingswort. Oder jedenfalls eines, welches er in vielen Gesprächen unterbringt. Es lautet: "fossilfrei". Damit meint er seine Strategie, auf Kohle und Gas möglichst zu verzichten, zumindest in der Stromerzeugung. Zurawski leitet aber weder einen Umweltverband, noch sitzt er einer Klimaschutz-NGO vor. Vielmehr ist er der Deutschlandchef des Energieunternehmens Vattenfall, das dem schwedischen Staat gehört.
Das Kalkül des Managers ist nüchtern. "Der Gaspreis wird auch mittelfristig hoch bleiben", glaubt er, ganz unabhängig von der durch den Irankrieg getriebenen Energiekrise. Die Reaktion darauf könne nur sein: "Ausstieg aus den fossilen Energien überall da, wo es geht!", sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.
Komplett glücklich stimmen ihn die drei von der Bundesregierung vorgelegten Energie-Gesetzentwürfe nicht. "Das Paket geht insgesamt in die richtige Richtung, weil es das Gesamtsystem stärker betrachtet", sagt er zwar. Fehlsteuerungen müssten korrigiert werden. "Aber ein Ausbremsen des Ausbaus der erneuerbaren Energien wäre die falsche Antwort."
Gleich drei Gesetzentwürfe des Bundeswirtschaftsministeriums zu Energiethemen gingen in der vergangenen Woche in die Ressortabstimmung. Im Kern geht es darum, die Stromversorgung auch in Zeiten mit wenig Wind- und Solarstromerzeugung zu sichern und den Ausbau von Erneuerbaren-Anlagen und Netzen besser zu koordinieren. Eine große Rolle spielen dabei der Neubau von Gaskraftwerken und das Herunterschrauben der Solarförderung.
Die eigentliche Herausforderung liege jedoch "nicht bei Wind und Sonne", stellt Zurawski klar. Vielmehr müsse der Netz- und Speicherausbau schneller vorangehen, und es brauche mehr Flexibilität im System. "Wenn wir dort schneller und besser werden, sinken auch Systemkosten und das Risiko von Dunkelflauten." Er spricht von "wichtigen Impulsen" der Gesetzentwürfe. Doch enthielten sie seiner Ansicht nach "noch nicht die Investitionswirkung, die wir für mehr Speicher, Flexibilität und andere systemdienliche Anlagen dringend brauchen". Sprich: "dass wir uns unabhängiger von den Importen fossiler Energien außerhalb Europas machen".
"Vattenfall" heißt wörtlich übersetzt "Wasserfall". Hier liegen die Ursprünge von Zurawskis Mutterkonzern: in der Wasserkraft, die im schwedischen Energiemix bis heute eine entscheidende Rolle spielt. In Deutschland allerdings war Vattenfall lange einer der damals vier großen Stromkonzerne und zu jener Zeit keineswegs "fossilfrei". In den frühen Nullerjahren, als Zurawskis Karriere im Controlling des Konzerns begann, gehörten Vattenfall in Deutschland mehrere Kohlekraftwerke, vor allem in der Lausitz. Zudem hielt der Konzern Anteile an den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel. Mit ihrem Rückbau ist er bis heute beschäftigt.
Daneben betreibt Vattenfall in Deutschland auch Anlagen für erneuerbare Energien. Das Unternehmen ist Energiehändler, Grundversorger in Berlin sowie in Hamburg, Anbieter von Wärmepumpen und Ladesäulen für E-Autos. Darüber hinaus ist Vattenfall Deutschlands zweitgrößter Pumpspeicherbetreiber. Außerdem plant das Unternehmen mit dem Nordsee-Windpark "Nordlicht" Deutschlands größtes Offshore-Projekt, das mit mehr als 1,6 Gigawatt Kapazität sogar der zweitgrößte Meereswindpark der Welt werden soll. Diesen Sommer ist Baubeginn, kündigt Zurawski an. Von externen Schocks wie dem Irankrieg, gestörten Lieferketten und teurer gewordenen Bauteilen lässt er sich nicht aufhalten: "Die Baukosten für Nordlicht haben wir vertraglich abgesichert. Der Businesscase funktioniert sehr gut."
Der 49 Jahre alte Zurawski erklärt die komplexen Zusammenhänge der heutigen Energiewelt in leisen Tönen, mit leicht sächsischer Sprachmelodie und vielen Nebensätzen. Er will die Energiepolitik von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nicht pauschal abkanzeln. Entsprechend differenziert fällt sein Urteil zum Bau neuer Gaskraftwerke aus: "Wir werden uns an Ausschreibungen neuer Gaskraftwerke nicht beteiligen - das widerspricht unserer fossilfreien Geschäftsstrategie", sagt er. Und setzt damit einen Kontrapunkt zu anderen Energiekonzernen hierzulande, die schon auf die Ausschreibungen warten, um sich selbst zu bewerben. Die Essener Unternehmen RWE und Steag Iqony sowie die Düsseldorfer Uniper stehen eigenen Angaben nach schon in den Startlöchern.
Trotz Vattenfalls eigener Zurückhaltung finde er es gut, "dass das Gesetz im Sinne der Versorgungssicherheit jetzt kommt", sagt Zurawski. Um dann schnell hinterherzuschieben, dass ja von 2027 an auch technologieoffene Ausschreibungen geplant seien - etwa für bestehende Anlagen, Batteriespeicher und flexible Lasten. "Das ist gut, weil so mehr Lösungen zum Zug kommen und das System flexibler wird."
Kritik hat er dennoch. Das Tempo der Regierung sei zu langsam, die Unsicherheiten blieben hoch. "In Deutschland ist es gerade schwierig, Investitionsentscheidungen zu treffen, insbesondere über neue Speicher. Wir haben einige Investitionsvorhaben, über die wir gerne noch in diesem Jahr entscheiden würden. Das ist privates Kapital, das den Staat nichts kostet." Doch den "Businesscase" auszurechnen, sei alles andere als trivial.
Das liege auch an den oft schwierigen Wechselwirkungen zwischen den vielen verschiedenen energiepolitischen Neuerungen. Das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) etwa müsse gut mit den zeitgleich laufenden Vorhaben abgestimmt werden, etwa dem Netzpaket und der sogenannten Agnes-Reform der Bundesnetzagentur zu Netzentgelten.
Gerade was den letzten Punkt angeht, hat er große Bedenken. "Den Speichern droht Ungemach", befürchtet er. Momentan sind Speicher von Netzentgelten befreit, doch die Bundesnetzagentur will das ändern und sie künftig zur Kasse bitten. "Die Vorschläge der Bundesnetzagentur hätten massive negative Auswirkungen auf unsere existierenden Anlagen", sagt Zurawski. Selbst eine rückwirkend geltende Netzentgeltpflicht für Speicher wird diskutiert.
Die ganze Branche sei deshalb "sehr nervös", sagt er. "Das Thema Vertrauensschutz darf auf keinen Fall angefasst werden. Das wäre Gift für jegliche Investitionen." Doch nicht nur die mögliche Wirkung auf bestehende Projekte bereitet ihm Kopfzerbrechen. Vattenfall plant auch den Neubau eines Pumpspeichers in Thüringen mit einer Kapazität von 500 Megawatt. Das Projekt sei "schon relativ weit", sagt Zurawski, aber durch die geplante Neuregelung "jetzt massiv gefährdet".
Auch jenseits der Speicher sieht er Investitionshemmnisse in Deutschland. Zum Beispiel mit Blick auf die geplanten Änderungen des Energiewirtschaftsgesetzes, die in der Branche als "Netzpaket" bezeichnet werden und ebenfalls Teil der in der vergangenen Woche vorgelegten Gesetzentwürfe waren. Es sei klar, dass Vorschläge auf den Tisch müssten, damit das Netz nicht weiter an komplett unsinnigen Stellen ausgebaut werde, sagt Zurawski. Doch wie das genau geschehen soll, ist umstritten.
Dem Entwurf zufolge sollen die Anreize verringert werden, weiterhin Windräder und Solarparks in Gebieten aufzustellen, in denen mehr als drei Prozent der erneuerbar erzeugten Strommenge abgeregelt werden müssen. Baut ein Unternehmen doch neue Anlagen in solchen Gegenden, soll es für zehn Jahre keine Entschädigungszahlungen mehr erhalten, wenn die Anlagen an wind- oder sonnenreichen Tagen zeitweise stillstehen.
Diese Regelung bedeute "definitiv nichts Gutes für die Erneuerbaren-Branche", sagt Zurawski. Niemand wisse genau, welche Gebiete in der Praxis betroffen sein werden; die Projektierer könnten daher "nichts rechnen", beklagt er. "Was machen Sie dann als Investor? Sie investieren erst mal nicht!"
Und was hält Zurawski von der wieder aufgeflammten Debatte über Atomkraft in Deutschland? Immerhin arbeitet er für ein Unternehmen, das weiterhin in Schweden an aktiven Kernkraftwerken beteiligt ist. In Deutschland fehle der gesellschaftliche "Konsens", mit dem man sich in Schweden auf die Atomkraft geeinigt, Staat und Industrie an den Kosten beteiligt und die Endlagerfrage geklärt habe, sagt Zurawski.
Und er sieht weitere Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Das schwedische System bestehe aus Wasserkraft, Kernkraft und Erneuerbaren. "Die Kernkraft liefert Grundlast, muss also stabil durchfahren und ist nicht dafür da, flexibel eingesetzt zu werden oder Erzeugungsschwankungen auszugleichen." In Schweden funktioniere das hervorragend, "weil die Wasserkraft flexibel steuerbar ist und einen Ausgleich für die restlichen Erneuerbaren schafft, also Wind und Photovoltaik". In Deutschland hingegen basiert das System zu 60 Prozent auf Erneuerbaren.
"Ein Kernkraftwerk wäre hier als Grundlastkraftwerk nicht sinnvoll eingesetzt. Stattdessen brauchen wir hier vor allem Flexibilität", erklärt Zurawski. "Außerdem: Bevor ein neues Kernkraftwerk überhaupt steht, gehen mindestens 15 Jahre ins Land. Deshalb hilft uns die jetzige Diskussion überhaupt nicht." Auch wenn Zurawskis Lieblingswort eigentlich auch auf Kernkraftwerke zutrifft: "fossilfrei".
Das Gespräch führten Nadine Bös und Hanna Decker.
Der Artikel erschien am 27.04.2026 zuerst in der Printausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und online: Bremse für Speicher und Erneuerbare: „Ausstieg aus den Fossilen – überall, wo es geht!“


