Brauchen wir ein neues Wort für „Energiewende“?
- Energiewende und Wettbewerbsfähigkeit: Robert Zurawski sieht in der Dekarbonisierung mehr wirtschaftliche Chancen als Risiken für Deutschland und Europa.
- Erneuerbare Energien und Strompreise: Der Ausbau von Wind- und Solarenergie kann Preisausschläge am Strommarkt dämpfen und die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten verringern.
- Netzausbau und Batteriespeicher: Leistungsfähige Netze und verfügbare Netzanschlüsse sind zentrale Voraussetzungen für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien und neuer Speicher.
- Bezahlbare Energie durch Elektrifizierung: Ein höherer Stromverbrauch in Verkehr und Gebäuden kann dazu beitragen, Netzentgelte auf mehr Kilowattstunden zu verteilen.
- Akzeptanz für Wind- und Solarparks: Frühe Information, transparente Kommunikation und die Beteiligung von Kommunen und Gemeinden können die Akzeptanz vor Ort stärken.
Die Energiewende ist mehr als ein Klimaschutzprojekt: Sie entscheidet über Versorgungssicherheit, bezahlbare Energie und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Im Gespräch erläuterte Vattenfall Deutschlandchef Robert Zurawski, warum erneuerbare Energien Preisschwankungen dämpfen, weshalb Netze und Speicher jetzt entscheidend sind und wie mehr Akzeptanz für Wind- und Solarparks entstehen kann.

Robert Zurawski, Chef von Vattenfall Deutschland, wurde im September 2026 von Matthias Arnold und Burkhard Fraune von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) interviewt. Die folgenden Antworten basieren auf diesem Interview.
Ist die Energiewende für Deutschland und Europa eher wirtschaftliche Chance oder Risiko?
Wir glauben, dass Deutschland und Europa aus der Dekarbonisierung Wettbewerbsvorteile ziehen kann und es deutlich mehr Chancen gibt als Risiken. Wenn Sie übers Land fahren, dann sehen Sie, dass die Energiewende überall stattfindet.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Wort Energiewende bei vielen eher Skepsis als Aufbruch auslöst. Vielleicht müssen wir uns auch ein anderes Wort dafür überlegen. Wir müssen raus aus dieser Ideologisierung, denn in der Realität findet die Transformation trotzdem statt, weil sie eben die wirtschaftlich beste Lösung ist.
Viele Menschen erleben die Transformation derzeit als schwierig. Warum sollte Deutschland trotzdem an diesem Weg festhalten?
Egal welche Transformation man sich in der Geschichte anschaut, es gab immer eine schwierige Phase. Und wir sind gerade in so einer schwierigen Phase. Als Bergsteiger würde ich sagen, es ist gerade schlechtes Wetter am Berg. Aber da muss man dann eben auch mal durch – um den Gipfel und damit sein Ziel zu erreichen.
Es wäre fatal, jetzt den Schritt zurückzugehen. Das wäre das völlig falsche Signal an die Industrieunternehmen, die auf die Transformation gesetzt haben, und es würde das Ganze auch schlichtweg verteuern.
Welche Rolle spielen erneuerbare Energien für Versorgungssicherheit und stabile Strompreise?
Die jüngsten geopolitischen Krisen führen uns deutlich vor Augen, wie verletzlich eine Volkswirtschaft ist, die auf fossile Energieimporte setzt. Das sieht am Ende jeder Bürger an der Tankstelle, zumindest die, die noch einen Verbrenner fahren.
Ich sehe aber gerade in der aktuellen Energiekrise, dass die Preisausschläge am deutschen Strommarkt nicht mehr so groß sind. Weil wir in den letzten Jahren nochmal deutlich erneuerbare Energien zugebaut haben. Das heißt, die Erneuerbaren bremsen den Strompreisanstieg deutlich.
Gesetze, Elektrifizierung, Netze und Speicher
Wie bewerten Sie die jüngsten Gesetzespakete der Bundesregierung für die Energiewende?
Ich war wirklich froh, dass es über den Sommer mit den wesentlichen Kabinettsbeschlüssen für zentrale Gesetze dann schnell ging. Die gehen auch erstmal in die richtige Richtung. Da hat die Bundesregierung ihre Hausaufgaben gemacht, da hat die Wirtschaftsministerin auch einen guten Job gemacht.
Wo steht Deutschland bei der Elektrifizierung im internationalen Vergleich?
Deutschland war bei der Elektrifizierung lange Vorreiter. Gerade sind andere Industrienationen dabei, uns an der Stelle zu überholen.
Was ist jetzt die wichtigste Voraussetzung für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien?
Die Voraussetzung für alles ist der Netzausbau. Da dürfen wir beim Tempo jetzt nicht nachlassen. Natürlich ist die vernünftige Integration der erneuerbaren Energien ein wichtiges Thema. Das muss Hand in Hand gehen.
Welche Rahmenbedingungen braucht Deutschland, damit mehr Batteriespeicher entstehen können?
Die Politik kann sich an einer Stelle ein bisschen ausruhen: Die Investitionen in die Speicher kommen aus der Privatwirtschaft. Aber die Voraussetzung ist auch hier der Netzausbau, aber eben auch die Netzanschlüsse.
Warum sind die Strompreise in Deutschland so hoch?
Warum kostet die Transformation des Energiesystems zunächst Geld – und wann kann Strom wieder günstiger werden?
Jetzt sind wir natürlich in der Transformationsphase und die kostet leider auch Geld. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass es nachher günstiger wird, wenn man diesen Berg hinter sich hat.
Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass der Stromverbrauch rückläufig ist und das hat rein mathematisch die Konsequenz, dass die Netzentgelte pro Kilowattstunde hochgehen. Mehr Elektrifizierung etwa bei Verkehr und Gebäuden würde daher automatisch dafür sorgen, dass der Strompreis pro Kilowattstunde wieder runtergeht.
Wie stark beeinflussen geopolitische Krisen, Gaspreise und Wetter aktuell den Strompreis?
Die Preise hängen im Moment an zwei großen Themen: Der geopolitischen Situation und am Wetter. Je nachdem, wie die Situation im Nahen Osten und wie der Gaspreis sich entwickelt, reagiert unser Strompreis. Und das andere ist das Wetter. Wenn wir einen strengen Winter kriegen, würden die Preise höher sein als bei einem milderen Winter.
Akzeptanz für Wind- und Solarparks
Wie lassen sich Akzeptanz und Beteiligung der Bevölkerung bei neuen Wind- und Solarparks stärken?
Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Leute nicht nur kommunikativ einzubinden und sie vorab transparent zu informieren, sondern darüber hinaus auch die Kommunen oder Gemeinden bei Solar- oder Windparks zu beteiligen. Weil ganz oft kam der Vorwurf: ihr baut da jetzt was und wir haben nichts davon. Und das können wir aktiv ändern.
Veröffentlichungen sind unter anderem hier erschienen:
Vattenfall: Vattenfall-Manager: Brauchen ein neues Wort für Energiewende - Handelsblatt
Vattenfall fordert klare Zuständigkeiten für Sicherheit - WELT
Energiewende: 18.000 Batteriespeicher in Hamburg - Kein Vorteil fürs Netz | DIE ZEIT


