"Wir müssen raus aus den Fossilen"

  • Zurawski warnt vor einer Verlangsamung des Ausbaus von Wind- und Solarenergie. 
  • Fehlende Planungssicherheit bremst Investitionen in erneuerbare Energien. 
  • Verzögerungen bei Gesetzen und Förderungen gefährden den Ausbau der Energiewende. 
  • Netzausbau und Erneuerbare müssen laut Vattenfall Hand in Hand vorankommen. 
  • Speicher und flexible Stromnutzung sind entscheidend für ein stabiles Energiesystem. 
  • Zurawski fordert verlässliche politische Rahmenbedingungen für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.

Robert Zurawski, Chef von Vattenfall Deutschland, wurde von Markus Becker und Stefan Schultz für DER SPIEGEL interviewt. 

Robert Zurawski während einer Bergbesteigung

"Wir befinden uns an einem schwierigen Berg in einem steilen Teil der Wand. Aber abzusteigen ist keine Option mehr. Wir müssen den Gipfel jetzt erreichen." Robert Zurawski, Foto: während einer Bergbesteigung kurz nach dem Interview für DER SPIEGEL

Von Markus Becker und Stefan Schultz

SPIEGEL: Herr Zurawski, Vattenfall war in Deutschland vor allem für seine Atomkraftwerke bekannt, heute hat sich Ihr Unternehmen als Ökostrom-Anbieter aufgestellt. Gegen die Energiewende gab es jedoch zuletzt Widerstände, aus der Politik und auch aus der Bevölkerung. Wie gehen Sie damit um?

Zurawski: Man muss die Leute mitnehmen – und erreichen, dass sie die Vorzüge der Energiewende selbst erleben. An meinem Wohnort in Brandenburg etwa besitzen viele Menschen inzwischen selbst eine Solaranlage oder ein Balkonkraftwerk. Wo man den unmittelbaren praktischen Nutzen für sich selbst und einen Effekt im eigenen Geldbeutel sieht, gehen die ideologischen Vorbehalte meist zurück. Bei großen Wind- und Solarparks sind Bürgerbeteiligungen ein bewährter Ansatz. Das sollten wir in Deutschland noch deutlich öfter machen.

Robert Zurawski im Atrium des Bürogebäudes von Vattenfall am Berliner Südkreuz

Robert Zurawski , Jahrgang 1976, ist seit Januar 2025 Deutschland-Chef des Energiekonzerns Vattenfall. Er arbeitet seit 2003 in dem Unternehmen, war zunächst im Bereich Finanzen und Controlling tätig, stieg 2015 zum Geschäftsführer der Vattenfall Europe Windkraft auf und ist seit 2023 Mitglied der Geschäftsführung der Vattenfall GmbH.

SPIEGEL: Derzeit ist die AfD in Umfragen nirgendwo stärker als in Sachsen, auch in anderen Bundesländern könnte sie womöglich bald regieren. Das ist eine Partei, deren Chefin damit gedroht hat, Windräder wieder abzureißen. Besorgt Sie das?

Zurawski: Niemand kann wirtschaftliche Realitäten ignorieren. US-Präsident Donald Trump hat auch gegen die erneuerbaren Energien gewettert, trotzdem boomen sie in den USA weiter – sogar in Texas.

SPIEGEL: Als die Energiemanagerin Katherina Reiche von der CDU den Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck ablöste, war die Branche erleichtert. Wie schauen Sie heute auf die Energiepolitik der Bundesregierung?

Zurawski: Die grundsätzliche Richtung ist richtig: Bezahlbarkeit, Klimaschutz, Versorgungssicherheit – dieses Zieldreieck wird ernst genommen. Was mir Sorgen macht, ist der Zeitplan. Zentrale Gesetze hängen in der Luft: das Erneuerbare-Energien- und das Windenergie-auf-See-Gesetz, auch das Netzpaket – die Liste ließe sich fortsetzen. Das verursacht Unsicherheit bei Investitionen, und das muss aufhören.

SPIEGEL: Der Bundestag kann das Erneuerbare-Energien-Gesetz wohl erst nach der Sommerpause verabschieden. Danach muss die EU-Kommission das Gesetz noch prüfen. Was wäre, wenn das bis Jahresende nicht erledigt ist?

Zurawski: Dann droht ein Zeitverzug bei der Neubewilligung von Fördergeldern. Eine solche Lücke wäre das schlechteste Szenario.

SPIEGEL: Warum sollte es so schlimm sein, wenn Fördermittel ein wenig später fließen?

Es könnte zu einer Ausbaudelle kommen, und das wäre Gift.

Zurawski: Weil sich der Markt nicht einfach pausieren lässt. Größere Unternehmen können einen Abriss bei den Förderungen verkraften, aber kleinere Unternehmen stecken schon jetzt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Und wenn die Politik dann zugleich mehr Tempo fordert – etwa zusätzliche Kapazitäten –, fehlen womöglich genau die Akteure, die liefern sollen. Es könnte zu einer Ausbaudelle kommen, und das wäre Gift.

SPIEGEL: 2012 kürzte der damalige CDU-Bundesumweltminister Peter Altmaier die Solarförderung, der Ausbau der Solarenergie brach massiv ein, die Branche verlor Zehntausende Jobs. Die heutige Wirtschaftsministerin Reiche war damals Staatssekretärin unter Altmaier – und will die Förderung nun erneut drosseln, mit ähnlichen Argumenten wie zuvor: Der Ausbau der Erneuerbaren sei zu teuer und schädlich fürs Netz. Folgt auf die Altmaier-Delle die Reiche-Delle?

Zurawski: Das Risiko ist real.

SPIEGEL: Die Altmaier-Delle dauerte mehr als ein Jahrzehnt, die einst führende deutsche Solarindustrie war anschließend ruiniert. Befürchten Sie ähnliche Folgen für die hiesige Windkraftbranche, sollte es zu einer neuen Delle kommen?

Zurawski: Eine echte Delle sehe ich noch nicht. Denn die Erneuerbaren liefern. Und insbesondere Offshore steht für Hightech aus Europa. Das hat auch die Politik verstanden. Was es jetzt braucht, sind verlässliche Rahmenbedingungen für die Zukunft.

SPIEGEL: Hat die Regierung aus Ihrer Sicht überhaupt eine erkennbare Strategie?

Es ist klar, dass ein Weiter-so bei fossilen Energien nicht funktioniert.

Zurawski: Das schon, aber die Frage ist, ob sie funktionieren kann. Einerseits soll die Industrie in Deutschland bleiben. Zugleich will die Regierung sowohl die Klimaziele als auch die Ausbauziele bei den Erneuerbaren weiterhin erfüllen. Die Herausforderung besteht darin, beides zusammenzubringen – zumal klar ist, dass ein Weiter-so bei fossilen Energien nicht funktioniert. Die Krisen der vergangenen Jahre haben uns gezeigt, wie angreifbar eine Volkswirtschaft ist, die von fossilen Energien abhängt – geopolitisch und durch sprunghaft steigende Energiepreise. Wir müssen raus aus den Fossilen, das darf die Bundesregierung nicht aus den Augen verlieren.

SPIEGEL: Ein solcher Ausstieg ist kaum erkennbar. Demnächst sollen erst einmal neue Gaskraftwerke gebaut werden. Zugleich bremst die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren. Wird die Abhängigkeit von fossilen Energien noch größer?

Zurawski: Diese Gefahr besteht. Ich sehe Regelungen kritisch, die den Ausbau der Erneuerbaren gegen den Netzausbau ausspielen, etwa mit Mechanismen wie dem Redispatch-Vorbehalt ...

SPIEGEL: … der besagt, dass Betreiber neuer Ökostrom-Anlagen in überlasteten Netzgebieten keine Entschädigung mehr erhalten sollen, wenn ihre Anlagen wegen drohender Netzüberlastung abgeschaltet werden müssen. Die Industrie hat das heftig kritisiert, das Wirtschaftsministerium will die Entschädigung jetzt nicht mehr ganz abschaffen, sondern deckeln.

Zurawski: Das Grundproblem ist doch, dass die Erneuerbaren schneller gewachsen sind als die Stromnetze. Das lässt sich nur beheben, wenn man Anreize für beides setzt: den Ausbau der Netze und der Erneuerbaren. Der Redispatch-Vorbehalt – auch die nun vorgelegte, leicht angepasste Version – würde die Anreize einseitig zulasten der Erneuerbaren verschieben.

SPIEGEL: Schauen wir auf Vattenfall in Deutschland: Sind Sie eher zufrieden oder frustriert?

Zurawski: Mit dem Unternehmen bin ich zufrieden. Wir haben eine enorme Transformation hinter uns – ich selbst habe vor über 26 Jahren in der Braunkohle begonnen. Heute sind wir ein fossilfreies Versorgungsunternehmen: erneuerbarer Strom, Speicher, über fünf Millionen Kunden. Was mich beschäftigt, sind stabile Rahmenbedingungen. Wenn Gesetze zu spät kommen oder unklar sind, ist das kontraproduktiv für Investitionen.

SPIEGEL: Welche Projekte stehen wegen der Unsicherheit auf der Kippe?

Zurawski: Nehmen Sie Windkraftanlagen an Land: Wir haben 26 Projekte in Genehmigungsverfahren, jetzt prüfen wir alle neu auf ihre Wirtschaftlichkeit. Leidet sie durch Unsicherheit, könnte manches zeitlich nach hinten rutschen. Solarparks planen wir inzwischen oft gemeinsam mit Batteriespeichern, doch auch hier gibt es Unsicherheiten bei der Regulierung. Das macht Investitionsentscheidungen noch in diesem Jahr schwierig.

SPIEGEL: Sie bauen Offshore-Windparks schon jetzt ohne Subventionen. Braucht es die Förderung überhaupt noch?

Zurawski: Unser Vorschlag ist ein Zwei-Stufen-Modell: so viel Markt wie möglich, so wenig Staat wie nötig. Stufe eins: Ausschreibungen ohne Fördermechanik, wo es wirtschaftlich funktioniert. Stufe zwei: Wo es nicht trägt, könnten Differenzverträge helfen …

SPIEGEL: … die dem Erzeuger einen Fixpreis garantieren …

Offshore-Windkraft ist auch Industriepolitik. Die Wertschöpfung kann im Land bleiben.

Zurawski: … und nur dann zu einer Förderung führen, wenn der Strompreis niedrig ist. Am Ende muss ein Projekt wirtschaftlich sein. Und Offshore-Windkraft ist auch Industriepolitik: Abnehmer sind oft große Industrieunternehmen. Die Wertschöpfung, etwa beim Stahl für die Windkraftanlagen und Fundamente, kann im Land bleiben.

SPIEGEL: Die Erzeugungskosten für erneuerbare Energien sinken, die Strompreise aber steigen. Wie rechtfertigen Sie das Ihren Kunden gegenüber?

Zurawski: Die Preise steigen nicht in jedem Fall, wir haben sie für unsere Kunden dieses Jahr schon gesenkt. Strom kostet derzeit in etwa wieder so viel wie vor dem Ukrainekrieg.

SPIEGEL: … der vor mehr als vier Jahren begonnen hat. Warum ist Strom nicht inzwischen billiger als damals?

Zurawski: Es stimmt, die Erneuerbaren drücken die Stromerzeugungskosten. Der große Kostentreiber sind aber zunehmend Netzentgelte. Dahinter stehen notwendige Investitionen in den Ausbau der Netze und ein mathematischer Effekt: Wenn in wirtschaftlich angespannten Zeiten temporär weniger Strom abgenommen wird, werden die Netzkosten auf weniger Kilowattstunden verteilt. Zudem fehlen dem System Speicher und steuerbare Lasten. Wir sehen extreme Preisschwankungen in kurzer Zeit. Mehr Speicher und Flexibilität würden Preise und Systemkosten stabilisieren und perspektivisch senken. Ebenso wie mehr Stromnachfrage etwa durch E-Mobilität und Wärmepumpen.

SPIEGEL: Sie wollen an ihren alten AKW-Standorten Krümmel und Brunsbüttel im großen Stil Batteriespeicher bauen. Die Kraftwerkstrategie der Bundesregierung bevorzugt aber vor allem Gaskraftwerke. Fühlen Sie sich benachteiligt?

Zurawski: Batterie- und Pumpspeicher können kurz- und mittelfristige Schwankungen viel besser ausgleichen als Gaskraftwerke – und notfalls auch länger als nur zwei Stunden laufen. Unser Pumpspeicherkraftwerk Goldisthal in Thüringen etwa könnte acht Stunden lang ganz Berlin mit Strom versorgen. Wir müssen technologieoffen an die Frage der steuerbaren Kapazitäten herangehen.

SPIEGEL: Auch Atomkraftwerke könnten zur Versorgungssicherheit beitragen. Sehen Sie Chancen, dass Deutschland seine Haltung hierzu noch einmal überdenkt?

Zurawski: Kurz- und mittelfristig sehe ich das nicht. In Deutschland gibt es derzeit keinen gesellschaftlichen Konsens, kein Finanzierungsmodell und keinerlei Planungssicherheit dafür.

SPIEGEL: Ministerin Reiche hofft auf Mini-AKW. Wäre das ein Geschäftsfeld für Sie?

Zurawski: In Schweden bauen wir solche Reaktoren. In Deutschland sehe ich da aus den vorgenannten Gründen ebenso wenig Chancen wie bei den großen Reaktoren.

SPIEGEL: Oft scheint es, dass Deutschland sich mit ideologischem Streit über Kern- und Gaskraftwerke, Windräder oder Wärmepumpen selbst blockiert. Andere Länder, darunter Schweden, sind pragmatischer. Was ließe sich von ihnen lernen?

Zurawski: Jedes Land muss das Energiesystem bauen, das zu ihm passt. Das schwedische Modell, das Kernkraft, Wasserkraft und erneuerbare Energien kombiniert, ist nicht auf Deutschland übertragbar. Uns fehlen in Deutschland ausreichend Netze und Speicher. Wichtig ist, dass wir diesen Weg jetzt auch konsequent weitergehen.

Wir befinden uns an einem schwierigen Berg in einem steilen Teil der Wand. Aber abzusteigen ist keine Option mehr.

SPIEGEL: Momentan passiert das Gegenteil. Der EU-Emissionshandel soll abgeschwächt werden, der Ausbau der erneuerbaren Energien wird abgewürgt.

Zurawski: Vor beidem kann ich nur dringend warnen. Daran hängen jahrelange, teils milliardenschwere Investitionen auch von Industrieunternehmen, die den Umbau hin zu einer klimaneutralen Produktion bereits mit großem Aufwand vorantreiben. Ich hoffe, dass das in Brüssel verstanden wird.

SPIEGEL: Zum Schluss: Wie würden Sie die deutsche Energiewende in einem Satz bewerten?

Zurawski: Ich bin leidenschaftlicher Bergsteiger. Daher sage ich: Wir befinden uns an einem schwierigen Berg in einem steilen Teil der Wand. Aber abzusteigen ist keine Option mehr. Wir müssen den Gipfel jetzt erreichen.

Das Gespräch führten Markus Becker und Stefan Schultz. Das Interview erschien am 22.07.2026 bei SPIEGEL.de: 
Vattenfall-Chef Robert Zurawski: »Wir müssen raus aus den Fossilen« - DER SPIEGEL

SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG

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