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Blockchain im Stromhandel – Feldversuch gestartet

Vattenfalls Business Area Markets hat eine Machbarkeitsstudie zur Erprobung der Blockchain-Technologie gestartet. Mit im Boot waren weitere 25 Unternehmen. Ziel ist es, mehr über diese junge Technologie zu lernen und Anwendungsfälle für die Praxis des Stromhandels zu testen. Welche Bedeutung hat die Blockchain-Technologie für den Strommarkt? Antworten gibt Kilian Leykam, Manager Business Development Trading.

Kilian Leykam an seinem Arbeitsplatz, den Strommarkt genauestens im Visier 

Blockchain scheint zurzeit ein Trendthema zu sein – was verbirgt sich dahinter?
Ja, Blockchain wird häufig als die interessanteste und bahnbrechendste Technologie der nächsten Jahre bezeichnet. Das bekannteste Beispiel ist die Internetwährung Bitcoin, sinngemäß für digitale Münze. Das Buchungssystem wird bereits weltweit von Unternehmen eingesetzt.

Mit Blockchain können Handelspartner Wirtschaftsgüter tauschen. Dabei sind keine Vermittler wie Banken beteiligt. Für uns bedeutet das dann, dass Vattenfall und andere Unternehmen Energie kaufen und verkaufen können, ohne den Umweg über eine zentrale Strombörse gehen zu müssen. Das spart Geld.

Wie funktioniert Stromhandel mit Blockhain?
Aktuell werden im Großhandelsmarkt als kleinste Einheit Megawatt gehandelt, denn für kleinere Mengen sind die Transaktionskosten zu hoch. Das ist plausibel, wenn man sich den Aufwand für eine Transaktion genauer ansieht.

Am Handel einer bestimmten Strommenge sind mehrere Akteure beteiligt: der Erzeuger, der Verbraucher, die Strombörse, der Regulator, der Netzbetreiber und eine Bank zur Absicherung einer Transaktion. Zwischen allen Teilnehmern muss der Handel jeweils bestätigt werden, das heißt, über alle Bestandteile des Handels müssen am Ende gesicherte und identische Informationen bei allen Teilnehmern vorliegen.

… und wenn man den Handel auf unserer Seite betrachtet?
Wir handeln entweder an Energiebörsen oder direkt mit anderen Unternehmen über Broker und Brokerplattformen. Insgesamt führen wir im Durchschnitt rund 1.400 Transaktionen pro Tag durch – das umfasst alle Energieprodukte und Märkte. Jede versursacht Transaktionskosten und muss in unseren Handels-, Berichts- und Controlling-Systemen verarbeitet werden.

Inwiefern würde der Weg über Blockchain hierbei etwas ändern?
Die Blockchain-Technologie dient schlicht dazu, diese Prozesse zu automatisieren, sie schneller und effizienter ablaufen zu lassen. Wenn wir in der Lage wären, die Blockchain-Technologie für die Energiemärkte zu nutzen, dann könnten wir effizienter und mit geringeren Transaktionskosten arbeiten. Letztlich ist das der Schlüssel dazu, kleinere Strommengen handeln zu können.

Heißt das, ein Betreiber einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach seines Hauses könnte seinen eigenerzeugten Strom direkt an einen Marktteilnehmer, zum Beispiel an Vattenfall, verkaufen?
So ungefähr. Er kann allerdings seinen Strom dann nicht nur an Vattenfall, sondern zum Beispiel auch an seinen Nachbarn verkaufen. Wenn die Kosten für eine einzelne Transaktion sinken und diese deutlich schneller durchgeführt wird als heute, dann könnten wir auch dezentral erzeugten Strom handeln, der von Privathäusern mit Solarmodulen geliefert wird. Diese Technologie hat also das Potenzial, zu einem wichtigen Puzzleteil der Energiewende zu werden.

Wie werden kleine Mengen dezentral erzeugten erneuerbaren Stroms heute gehandelt? 
Im Moment gibt es in Deutschland keine Möglichkeit, direkt Strom zwischen Privatkunden zu handeln. Deshalb wird Energie aus dezentralen Anlagen von Händlern wie Vattenfall zusammengetragen und dann auf dem Großhandelsstrommarkt verkauft. Weltweit gibt es allerdings einige interessante Projekte, die diesen dezentralen Handel bereits erlauben. Zum Beispiel hat Vattenfall in den Niederlanden mit Powerpeers einen Marktplatz für die dezentrale Energie aufgebaut. 

Was ist das Ziel des Feldversuchs?
Vorerst wollen wir schauen, ob es überhaupt funktioniert – und unter welchen Voraussetzungen. Wir wollen Erfahrungen sammeln, wie man eine Blockchain betreiben kann. Wir können uns auch vorstellen, mehrere Anwendungsfälle auszuprobieren, zum Beispiel Stromhandel von Nachbar zu Nachbar.

Was wird beim Feldversuch erforscht? Worauf schauen Sie besonders?
Im Wesentlichen geht es um vier Aspekte: Erstens geht es um die Frage, ob man Transaktionen auf der Blockchain abbilden, also speichern kann. Die Frage können wir im Grunde heute schon mit „Ja“ beantworten.

Zweitens wollen wir wissen, in welcher Geschwindigkeit diese Prozesse ablaufen können. Reicht diese Geschwindigkeit für unsere Vorgaben aus? Letztlich ist auch die Geschwindigkeit die Voraussetzung dafür, ob und in welchem Maß man in Zukunft dezentrale Energien handeln kann. Je schneller die Transaktionen abgewickelt werden können, umso besser können wir kleinere Mengen handeln.

Und drittens geht es um die Fragen der Datensicherheit: Zwischen bestimmten Handelsteilnehmern brauche ich Anonymisierung, zwischen anderen nicht. Bestimmte Informationen müssen für bestimmte Teilnehmer öffentlich sein, für andere jedoch nicht. Das sollte sichergestellt sein.

Schlussendlich geht es aber auch darum herauszufinden, inwieweit wir mit der Blockchain unseren Handelsprozess verschlanken und effizienter gestalten können.

Wie lange läuft die Machbarkeitsstudie? Wie sieht das Live-Trading aus?
Die Studie wird noch bis zum Frühjahr 2018 laufen. Bis dahin haben wir hoffentlich genügend Erfahrung gesammelt, um ein Live-Trading starten zu können. Dann werden wir an einem konkreten Anwendungsfall mit Marktteilnehmern einen realen Handel durchführen.

Bis dahin gibt es aber noch zahlreiche, auch regulatorische Fragen zu klären. Wenn wir dann in allen Punkten ein „Ok“ haben, könnten wir mit dem Live-Trading beginnen. Und dabei sind wir nicht allein: Weitere Energieunternehmen arbeiten an diesem Projekt mit; das ist im Grunde eine breite Industrieinitiative.

Welche Anwendungen sind zukünftig noch denkbar, wenn die Erfahrungen im Feldversuch in Summe positiv ausfallen ?
Definitiv beim Handel mit regenerativen Energien: Bei der Vermarktung von Wind und Sonne habe ich sehr viel kürzere Zeitfenster; die Erzeugung fluktuiert sekündlich. Hier ermöglicht die Blockchain-Technologie, kleine Mengen in kurzen Zeitabständen zu handeln.

Wie sind die Chancen, Blockchain mittelfristig im Energiehandel einzusetzen?
Ich sehe großes Potenzial. Es wird aber noch einige Jahre dauern, die Technik für Standardprozesse zu etablieren. Optimistisch betrachtet kann man hier von mindestens drei Jahren ausgehen.

LINKs und weitere Beiträge im Blog

Unternehmen und Banken entwickeln Blockchains, Handelsblatt 13.07.2017  

Big Bang-Theorie und Energiehandel vom 12.05.2017
Blockchain: Diesen Trend will niemand verpassen vom 27.01.2017
Alltagstaugliche Energiewende vom 23.05.2016


 

Experte Kilian Leykam

Bereits im Studium der Wirtschaftswissenschaften, Politik und Recht in St. Gallen habe ich mich mit dem Energiehandel beschäftigt. Vorrangig ging es dabei um Fragen der Versorgungssicherheit und der Europäischen Integration des Gasmarktes. Seit 2009 bin ich bei der Vattenfall Energy Trading. Ich arbeitete als Analyst, dann als Trader und seit 2016 bin ich Manager beim Business Development Trading. Hier bin ich unter anderem für die strategische Ausrichtung unseres Energiehandels verantwortlich. Außerdem treibe ich die Entwicklung von innovativen Handelsplattformen wie die Blockchain voran.

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