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Die Angst vor dem Blackout

Stromausfälle und damit verbunden ein entsprechendes Störungsmanagement sind für einen Verteilungsnetzbetreiber Alltag. Ein größerer Stromausfall wie der in Berlin-Köpenick im Februar 2019 sorgt bei Journalisten schnell für eine hohe Sensibilisierung, was die Häufigkeit von Störungen im Netz anbelangt. Aus den nahezu täglich vorkommenden kleinen Unterbrechungen in der Berliner Stromversorgung wird dann schnell „Die Serie von Stromausfällen reißt nicht ab“ (dpa).

Der nachfolgende Text ist zuerst beim Newsletter Paper Press erschienen und bringt wohltuende Sachlichkeit in das Thema:

Der Stromausfall in Köpenick am 19. und 20. Februar 2019 löste in den Medien erneut eine Diskussion darüber aus, welche Folgen eintreten könnten, wenn die Bevölkerung und ihre Stadt von der Energieversorgung abgeschnitten werden. Wie abhängig wir vom Strom sind, wissen wir selbst allzu gut. Nichts geht mehr in der Wohnung. Wo lagen doch gleich die Kerzen und das batteriebetriebene Radio? 

Bei Anlässen wie diesen lassen die Medien nicht unerwähnt, dass es auch zu Toten kommen kann. Das wissen wir alles aus dem Buch von Marc Elsberg. Außerdem gibt es zahlreiche Studien zu diesem Thema, es gibt aber vor allem auch Statistiken, die besagen, dass ein Blackout, der eine ganze Stadt oder ein Land betrifft, sehr unwahrscheinlich ist. Morgen kann Berlin auch ein Meteorit treffen, dann muss man sich gar nicht mehr auf die Suche nach Kerzen machen. Angst schüren gehört aber für einige Medien halt zum Geschäft.

Großstörungen in Deutschland sehr selten 

„Am Samstag, dem 4. November 2006, kam es gegen 22:10 Uhr zu einem größeren Stromausfall in Europa. Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich, Spanien waren teilweise bis zu 120 Minuten ohne Strom; sogar in Marokko waren Auswirkungen spürbar.“ Das war das letzte Großereignis in unserer Region. Deutschland ist nicht Venezuela. So unangenehm der Köpenicker Stromausfall von 30 Stunden für die Betroffenen war, 2,27 Millionen von 2,3 Millionen Haushalten verfügten in derselben Zeit über Strom. Der Begriff „Blackout“ dürfte etwas zu dramatisch gewählt sein. Quelle: Wikipedia

Aber, was solls, die Diskussion geht weiter. Am 6. März 2019 trat der frühere Berliner Feuerwehrchef und jetzige Präsident des Technischen Hilfswerks, Albrecht Broemme, in der Abendschau auf und sagte Widersprüchliches. Das Berliner Stromnetz sei „alt und marode“. Das Netz „war auch in West-Berlin anders entwickelt, als in modernen Städten hätte entwickelt werden können.“ Das könne man „nicht auf Fingerschnipp ändern.“ Aber, die „Fachleute wissen, was zu tun ist – es gibt Dinge, die in Berlin funktionieren, das ist der Strom.“ Und wenn der Strom mal nicht funktioniert, dann liegt es nicht an alten und maroden Kabeln, sondern an Fremdeinwirkungen durch den gefürchteten Bodo mit dem Bagger. 

Wir haben beim Betreiber des Berliner Stromnetzes, der Stromnetz Berlin GmbH, nachgefragt, ob es denn stimme, dass das Netz alt und marode sei. „Das Stromnetz ist weder alt (im Sinne von veraltet) noch marode. Wir überprüfen regelmäßig unser System und tauschen dort, wo Bedarf besteht, Leitungen aus bzw. sanieren komplette Gebiete. Die Kabel, die wir neu verlegen, haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 40 Jahren. Aber natürlich werden auch diese mit betrachtet.“, lautete die Antwort.

Keine erhöhte Störungshäufigkeit in Berlin

Zum Thema Stromausfälle teilte uns der Netzbetreiber mit: „Der Stromausfall in Köpenick vor drei Wochen hat dazu geführt, dass auch kleinere und kürzere Störungen eine gesteigerte Aufmerksamkeit erfahren. Daraus lässt sich aber keineswegs eine erhöhte Störungsanfälligkeit des Berliner Verteilungsnetzes ableiten. Im Gegenteil, Störungen im Netzbetrieb und damit verbundene Versorgungsunterbrechungen gehören für jeden Netzbetreiber – also auch für Stromnetz Berlin – zum Tagesgeschäft.    

Bei einem Verteilungsnetz von über 35.000 Kilometern Länge gibt es immer wieder Ausfälle, durch die eine meist geringe Anzahl an Haushalten und Gewerbekunden von einer Versorgungsunterbrechung betroffen sind. Dass die Häufigkeit und Dauer der Versorgungsunterbrechungen in Berlin im absolut grünen Bereich liegt, zeigt der sogenannte SAIDI-Wert für die Hauptstadt. SAIDI steht für die durchschnittliche Dauer der Versorgungsunterbrechung pro Berliner Haushalts- bzw. Gewerbekunde in einem Jahr und lag für 2018 bei 13,7 Minuten. Das ist im bundesweiten Vergleich ein überdurchschnittlich guter Wert, der auch für den guten Zustand des Berliner Netzes spricht. Der Anspruch einer bestmöglichen hohen Versorgungssicherheit ist für Stromnetz Berlin selbstverständlich, daher investierten wir in den letzten sechs Jahren nahezu eine Milliarde EUR in das Netz. Für das aktuelle Jahr 2019 sind Investitionen von rund 194 Mio. EUR vorgesehen, davon fließen ca. 100 Mio. EUR in den „Erhalt und Modernisierung“ (z. B. Austausch alter Kabel, Reparaturen, Instandhaltung…), die übrigen ca. 90 Mio. EUR in die Digitalisierung (z. B. Automatisierung / Fernsteuerbarkeit)  und die „wachsende Stadt“  (Neuanschlüsse etc.).

Bei rund 2,35 Millionen Berliner Haushalts- und Gewerbekunden ist ein Stromausfall mit z. B. 1.000 Hauhalten natürlich ärgerlich für die betroffenen Kunden, das möchten wir auch gar nicht beschönigen oder kleinreden – es ist allerdings kein großer Stromausfall oder gar „Blackout“. Der Begriff „Blackout“ wird sehr gern und sehr schnell verwendet, diese Ausfälle sind jedoch kleine, regional stark eingegrenzte Störungen, die in der Regel schnell behoben werden können.“

Heute (13.03.2019/ Anm. der Red.) übrigens findet das Richtfest für das neue Umspannwerk „Wuhletal“ in Marzahn-Hellersdorf statt. 23 Mio. Euro Investitionssumme. Vielleicht sollten wir mit dem Thema Stromversorgung gelassener umgehen. Man kann auch an Angst vor dem Tode sterben. 

 Zum Originaltext bei Paper Press

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Experte Ed Koch

Ed Koch wurde 1949 während der Blockade Berlins in Friedenau geboren. 1976 gründete er den Jugendpressedienst „Paper Press“. Von 1970 bis 2014 arbeitete der Sozialpädagoge im Jugendamt Tempelhof, war unter anderem für die Veranstaltungsorganisation verantwortlich. 33 Jahre lang organisierte Koch Fahrten zu Gedenkstätten des Naziterrors und antifaschistische Stadtrundfahrten. Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter 2006 das Bundesverdienstkreuz.

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