
„Wir müssen verstehen lernen, inwieweit Windparks für Vögel tatsächlich ein Risiko darstellen“
In einem Versuch, der im August beginnt, werden Wärmebildkameras Vogelkollisionen im Windpark Hollandse Kust Zuid aufzeichnen. „Wir sind noch auf der Suche nach der richtigen Technologie, um das Risiko von Vogelkollisionen zu verstehen“, erklärt Jesper Kyed Larsen, Experte für Biowissenschaften bei Vattenfall.
Start-Stopp-Verfahren
- Ein Modell zur Vorhersage des Vogelzugs zeigt die erwartete Migration in den Windenergiegebieten in der niederländischen Nordsee im Frühjahr und Herbst zwei Tage im Voraus an.
- Wenn die Vogeldichte den Schwellenwert übersteigt, wird ein Vogelalarm an alle unmittelbar Beteiligten gesendet.
- Der Netzbetreiber TenneT meldet es dem Ministerium für Wirtschaft und Klima. Das Ministerium entscheidet über die Abschaltung der Windparks und gibt dies mit Anfangs- und Endzeiten im Amtsblatt bekannt. Es ist eine formelle behördliche Entscheidung.
- Die Eigentümer der Windparks schalten die Turbinen zum festgelegten Zeitpunkt ab. Das bedeutet eine Verlangsamung auf weniger als zwei Umdrehungen pro Minute, denn eine vollständige Abschaltung ist aus technischen Gründen nicht erwünscht.
- Die für die Durchsetzung zuständige Abteilung von Rijkswaterstaat (RWS), einer Organisation des Ministeriums für Infrastruktur und Wasserwirtschaft, führt eine administrative Kontrolle durch.
- RWS analysiert die Daten, um festzustellen, ob tatsächlich ein Vogelzug stattgefunden hat, und um das Vorhersagemodell weiter zu verbessern.
Quelle: Abschaltung von Offshore-Windkraftanlagen in der Hauptzeit des Vogelzugs
Im Frühjahr und Herbst ziehen Millionen von Vögeln über die Nordsee und geraten dabei in die Nähe von Windparks. Wenn der Durchflug eines großen Vogelschwarms erwartet wird, findet das so genannte Start-Stopp-Verfahren statt (siehe Kasten rechts). Das bedeutet, dass Vattenfall die Windkraftanlagen für einige Stunden abschalten muss und kein Strom erzeugt wird. „Das wollen wir so weit wie möglich vermeiden“, so Larsen. „Wenn die Turbinen abgeschaltet werden, müssen andere Anlagen, z. B. Gaskraftwerke, nachlegen, um das geringere Angebot auszugleichen. Das Start-Stopp-Verfahren wird daher zwei Tage im Voraus angekündigt, damit genügend Zeit bleibt, diese Abläufe zu organisieren. Die Frage ist, ob die Turbinen zum richtigen Zeitpunkt stoppen werden. Es ist nämlich schwer vorherzusagen, welche Route die Vögel wählen und wie schnell sie das Gebiet mit dem Windpark passieren werden.“
Daten erheben
Gemeinsam mit Wageningen Environmental Research, das an die Universität Wageningen angegliedert ist, und Wildlife Imaging Systems, einem US-amerikanischen Anbieter von Technologielösungen, wird Vattenfall in seinem Windpark HKZ ein System mit Wärmebildkameras testen. Das System soll Daten darüber liefern, inwieweit Vögel mit den Offshore-Windturbinen an diesem Standort kollidieren. „Auf See ist das schwieriger als an Land, wo man herumlaufen und sehen kann, was auf den Boden fällt. Wenn ein Vogel mit einer Offshore-Windkraftanlage kollidiert, fällt er ins Wasser und wird weggetrieben. Durch die Installation von 16 Wärmebildkameras an einer der Windturbinen können wir die Umstände überwachen, unter denen es gegebenenfalls zu einer Kollision kommt. Die Kameras zeichnen 24 Stunden am Tag auf und blicken horizontal in alle Richtungen direkt unter dem Rotor, um zu erfassen, was herunterfällt. Die Videodaten werden mit künstlicher Intelligenz analysiert.“

Mit Kamerasystemen aufgezeichnete Vogelflüge im Umfeld einer Windkraftanlage. Das Bild ist eine Zusammenfassung von 5 Minuten Video in einem einzigen Bild. Die gelben Bereiche des Bildes sind die Vögel, die von der Software aufgezeichnet wurden. Quelle: Wildlife Imaging Systems.
Vattenfall setzt bereits Kameras und künstliche Intelligenz ein, um das Kollisionsrisiko im Offshore-Windpark Aberdeen Bay in Schottland zu überwachen. Dort werden mit Tageslichtkameras die Flugbewegungen und das Verhalten von Seevögeln in der Nähe der Turbinen aufgezeichnet, nicht aber Zusammenstöße.
Anhand des verfügbaren Materials können Larsen und die Forscher feststellen, ob sich Muster in der Vogelaktivität und bei Kollisionen erkennen lassen und ob sie möglicherweise mit bestimmten Witterungseinflüssen zusammenhängen. Normalerweise überfliegen die meisten Zugvögel die Windkraftanlagen, doch schlechtes Wetter könnte sie zwingen, tiefer zu fliegen.
Die Studie konzentriert sich zwar auf den Zug von Kleinvögeln wie Singvögeln und Drosseln, erfasst aber alle Vogelaktivitäten und sogar Fledermäuse.
Erwartungen
Das Hauptziel dieses Pilotprojekts besteht darin, zu testen, wie gut die Wärmebildkameras und die unterstützende Technologie funktionieren, und um eine genauere Zahl toter Vögel zu ermitteln. Ein nächster Schritt könnte darin bestehen, Kameras an weiteren Windkraftanlagen zu installieren, um mehr Gewissheit über die Anzahl der Kollisionen und repräsentativere Zahlen zu erhalten. „Dieser Versuch ist nur der Anfang“, sagt Larsen. „Sobald wir über mehr Daten verfügen, können wir unsere Erkenntnisse mit Behörden und Experten teilen, die damit ihre Start-Stopp-Modelle verbessern können.“
Larsen ist sich bewusst, dass den Ergebnissen von Studien dieser Art, die von der Energiebranche selbst durchgeführt werden, manchmal mit Skepsis begegnet wird. „Ich verstehe das sehr gut“, erklärt er. „Deshalb führen wir diese Forschung nicht allein durch. Wir haben Wageningen Environmental Research als unabhängigen Forschungspartner mit im Boot. Wir planen ferner, Experten aus Behörden, Universitäten und NGOs dazu einzuladen, das Projekt aus der Nähe mit zu verfolgen. Wir wollen, dass alle die Ergebnisse unserer Forschung nutzen können.“


