
Wie Vogelwelt und Offshore-Windenergie aufeinandertreffen
- Langzeitstudien an Offshore-Windparks dienen dazu, besser zu verstehen, wie sich Vögel bewegen und mit Windkraftanlagen interagieren.
- Beobachtungen am Offshore-Windpark in der Aberdeen Bay zeigen, dass während des Untersuchungszeitraums keine Vogelkollisionen festgestellt wurden.
- Die Beobachtungen deuten darauf hin, dass viele Vögel ihre Flugbahn rechtzeitig anpassen, bevor sie die Windkraftanlagen erreichen.
- Neue Technologien wie Kameras und KI ermöglichen detailliertere Langzeitdaten, die die Genehmigungsverfahren und eine verantwortungsvolle Entwicklung der Windenergie unterstützen.
Wie wirkt sich die Offshore-Windenergie auf Vögel aus – und wie können uns neue Technologien helfen, dieses Thema besser zu verstehen? An Offshore-Windparks laufen derzeit umfangreiche Studien, um zu verstehen, wie sich Vögel in Gebieten verhalten, in denen Windenergieanlagen errichtet werden. Neue Erkenntnisse aus einer Studie in Schottland zeigen, dass Kollisionen selten sind – und dass viele Vögel ihre Flugwege anpassen.
Der Ausbau der Windenergie ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende hin zu einem fossilfreien Energiesystem. Gleichzeitig wirft er Fragen hinsichtlich der Auswirkungen auf die Tierwelt auf. Für Vögel, die sich oft über große Gebiete hinweg bewegen und denselben Luftraum wie Windkraftanlagen nutzen, ist diese Wechselwirkung komplex.
Um die Unsicherheiten hinsichtlich der Auswirkungen der Windenergie auf die Vogelwelt zu verringern, führt Vattenfall seit langem Studien zur biologischen Vielfalt durch, sowohl an Land als auch auf See. Eine der jüngsten Studien wurde im Offshore-Windpark vor der Aberdeen Küste in Scotland durchgeführt.
Rund zwei Jahre lang wurden tagsüber die Vogelbewegungen in der Umgebung einer der Windkraftanlagen beobachtet. Die Daten wurden sowohl manuell als auch mithilfe künstlicher Intelligenz analysiert, die darauf trainiert wurde, Vögel, ihre Bewegungsmuster und eventuelle Kollisionen zu erkennen.
Die Ergebnisse zeigen, dass während des Beobachtungszeitraums keine Kollisionen festgestellt wurden.
Ergebnisse, die bisherige Annahmen in Frage stellen

Aonghais Cook, Senior Principal Consultant bei Biodiversity Consultancy
Zu denjenigen, die die Studie verfolgt haben, gehört Aonghais Cook, Senior Principal Consultant bei Biodiversity Consultancy und ehemaliger Mitarbeiter des British Trust for Ornithology. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit Vogelstudien im Zusammenhang mit Offshore-Windenergie und war an mehreren Projekten beteiligt, darunter auch an der Studie in Aberdeen.
„Wir verfügen nun über fast zwei Jahre intensiver Datenerhebung an Windkraftanlagen, an denen man zumindest einige Kollisionen erwartet hätte, wenn diese häufig vorkommen würden. Die Tatsache, dass wir überhaupt keine feststellen, ist ein aussagekräftiges Ergebnis, auch wenn man es immer im Kontext betrachten muss“, sagt Aonghais Cook.
Vögel passen ihre Flugbahn an
Laut Cook ist die Studie wichtig, da sie auf Langzeitbeobachtungen basiert und tatsächliche Beobachtungen statt Annahmen liefert, was dazu beiträgt, die Evidenzbasis für die Genehmigung von Projekten und die Festlegung von Ausgleichsmaßnahmen zu stärken.
„Seevögel werden von vielen Faktoren beeinflusst. Deshalb ist es wichtig, über eine solide Wissensgrundlage zu verfügen, die auf tatsächlichen Beobachtungen darüber basiert, wie sie sich in der Umgebung von Windkraftanlagen bewegen, damit wir diese weiterhin auf verantwortungsvolle Weise entwickeln können“, sagt Aonghais Cook.
Diese Studie deckt sich mit früheren Forschungsergebnissen aus Aberdeen, die zeigen, dass Seevögel ihre Flugwege aktiv ändern, bevor sie die Windkraftanlagen erreichen. Bereits in einer Entfernung von 100 bis 200 Metern beginnen viele Arten, ihren Kurs anzupassen und die Anlagen zu umfliegen.

Jesper Kyed Larsen, Vogelökologe bei Vattenfall
Jesper Kyed Larsen, Vogelökologe bei Vattenfall, arbeitet daran, das notwendige Wissen zu sammeln, um die Auswirkungen der Windenergie auf die Vogelwelt besser zu verstehen.
„Vögel sind im Allgemeinen sehr geschickt darin, sich in ihrer Umgebung zu orientieren. Wir beobachten, dass sie die Windkraftanlagen sehr gut wahrnehmen und ihre Flugbahnen anpassen“, sagt Jesper Kyed Larsen.
Gleichzeitig betont er, dass es dennoch zu Kollisionen kommen kann und die Ergebnisse daher nicht als endgültig interpretiert werden sollten.
Neue Technologien ermöglichen detailliertere Erkenntnisse
Der Einsatz von Kameras und KI ist eine innovative, neue Methode in der Vogelforschung im Zusammenhang mit der Windenergie. Die Technologie ermöglicht es, über einen langen Zeitraum hinweg große Datenmengen zu erfassen – etwas, das bisher allein mit manuellen Beobachtungen nur schwer zu erreichen war.
„Kollisionen sind seltene Ereignisse. Um zu verstehen, wann und wie sie passieren, ist eine kontinuierliche Überwachung erforderlich, und genau hier sind automatisierte Systeme entscheidend“, sagt Jesper Kyed Larsen.
Mehr als nur Kollisionen
Bei Vogelstudien im Zusammenhang mit Windenergie geht es nicht nur um Kollisionen zwischen Vögeln und Rotorblättern. Mindestens ebenso wichtig ist es zu verstehen, wie sich Vögel in und um Windparks bewegen und wie verschiedene Arten Landschaften und Meeresgebiete im Laufe der Zeit nutzen.
In früheren Studien hat Vattenfall Vögel in verschiedenen Umgebungen verfolgt, sowohl auf See als auch an Land. Unter anderem haben sich Landstudien in Dänemark darauf konzentriert, wie sich große Vögel wie Kraniche und Gänse durch die Landschaft bewegen und Gebiete mit Windparks durchqueren. Im Offshore-Windpark Hollandse Kust Zuid in den Niederlanden werden Studien durchgeführt, um zu dokumentieren, in welchem Umfang Zugvögel mit den Windturbinen kollidieren und unter welchen Umständen dies geschieht. Diese Art von Studien dient als Grundlage für Genehmigungsverfahren und trägt zu einem umfassenderen Verständnis der Bewegungsmuster von Vögeln bei.
Trotz zahlreicher Studien gibt es jedoch noch Fragen, die weiterer Untersuchung bedürfen.
„Dies ist ein komplexer Bereich, in dem noch Wissenslücken bestehen. Es geht um Verhalten, Bewegungsmuster und darum, wie verschiedene Arten die Landschaft im Laufe der Zeit nutzen“, sagt Jesper Kyed Larsen.
Wissen als Grundlage für Entscheidungen und Genehmigungen
Die Bedingungen, die beeinflussen, wie Vögel von Windkraftanlagen betroffen sind, variieren je nach Standort, Art und Umgebung. Daher lassen sich die Ergebnisse einer einzelnen Studie niemals direkt verallgemeinern, sondern müssen in einen breiteren Kontext gestellt werden.
In vielen Ländern ist das Wissen über die Bewegungsmuster von Vögeln ein zentraler Bestandteil des Genehmigungsverfahrens für Windkraftanlagen, insbesondere in Gebieten, durch die wichtige Zugwege verlaufen oder in denen empfindliche Arten vorkommen. Regulatorische Anforderungen, wie beispielsweise vorübergehende Abschaltungen von Windkraftanlagen während Schutzphasen, basieren oft auf dem Vorsorgeprinzip. Das bedeutet, dass Anforderungen manchmal auf einem Worst-Case-Szenario beruhen, da das Wissen begrenzt ist. Daher ist es wichtig, dass neues Wissen nicht nur generiert, sondern auch genutzt wird, um aktuelle und neue Anforderungen zu beraten und zu verfeinern.
„Wir sind vollständig auf die Zusammenarbeit mit Forscher:innen und anderen Expert:innen auf diesem Gebiet angewiesen, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse wissenschaftlich fundiert sind. In Aberdeen zeigen Langzeitbeobachtungen, dass das Kollisionsrisiko für Seevögel deutlich geringer ist als vor Baubeginn angenommen, was die Bedeutung von Daten aus der Praxis für die Entscheidungsfindung und die Projektgenehmigung unterstreicht“, sagt Jesper Kyed Larsen.
Teil einer langfristigen Initiative
Sowohl Cook als auch Larsen weisen darauf hin, dass sich die Forschung ständig weiterentwickelt. Neue Technologien wie Wärmebildkameras und verbesserte KI-Modelle ermöglichen es, auch nachtaktive Vögel und Situationen mit schlechter Sicht zu untersuchen – Bereiche, in denen noch Wissenslücken bestehen.
„Die Aberdeen-Studie ist an sich schon ein wichtiges Ergebnis, aber auch Teil einer langfristigen Initiative, bei der Daten von vielen Standorten, Arten und Methoden zusammengeführt werden“, sagt Jesper Kyed Larsen.
Cook hebt zudem den Wert von Investitionen in langfristige Vogelstudien hervor und wie mit den Ergebnissen umgegangen wird.
„Es ist wertvoll, wenn Energieunternehmen in langfristige Studien mit klarer Methodik investieren und offen mit den Ergebnissen umgehen. Diese Art von Arbeit liefert wichtige Erkenntnisse, die sowohl in der Forschung als auch in künftigen Umweltverträglichkeitsprüfungen genutzt werden können“, sagt Aonghais Cook.
Das Ziel ist, dass die Forschung eine bessere Faktengrundlage für Themen liefert, bei denen sowohl Klimavorteile als auch die Berücksichtigung der Biodiversität berücksichtigt werden müssen. Insgesamt deuten die bisher durchgeführten Studien darauf hin, dass viele Vogelarten sehr gut darin sind, Kollisionen mit Windkraftanlagen zu vermeiden. Gleichzeitig sind Kollisionen nur ein Aspekt der möglichen Auswirkungen auf Vögel. Mögliche Verdrängungseffekte – bei denen Windparks dazu führen, dass Vögel Futtergebiete meiden – müssen ebenfalls besser verstanden werden und sind ein wichtiger Teil der laufenden und zukünftigen Forschung.

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