"Dafür könnte Vattenfall stattdessen 10.000 Ladesäulen bauen"
- Zurawski kritisiert den Tankrabatt als falsches Signal.
- Mit dem Geld hätte Vattenfall viele Schnellladesäulen bauen können.
- Vattenfall sieht die Energiewende als Standort- und Wirtschaftsvorteil.
- Netzanschlüsse bremsen den Ausbau erneuerbarer Energien.
- Der Redispatch-Vorbehalt gefährdet Investitionen.
- Zurawski fordert mehr politische Unterstützung für Erneuerbare.
Robert Zurawski, Chef von Vattenfall Deutschland, wurde von Catiana Krapp für das Handelsblatt interviewt. Aus diesem Gespräch entstand der nachfolgende Artikel.

Robert Zurawski, Deutschland-Chef bei Vattenfall
Der Chef von Deutschlands zweitgrößtem Stromanbieter kritisiert die Energiepolitik der Bundesregierung - findet aber auch, dass Wirtschaftsministerin Reiche zu Unrecht angefeindet wird.
Der Deutschlandchef von Vattenfall, Robert Zurawski, kritisiert die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Auswirkungen des Irankonflikts als fehlgesteuert. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagte er: "Ein Tankrabatt kommt nur denen zugute, die Verbrenner fahren."
Statt die Energiesteuer auf Benzin und Diesel zu reduzieren, wäre es zielführender gewesen, die Stromsteuer zu senken und damit beispielsweise den Umstieg auf Elektroautos zu fördern, so Zurawski.
Der Tankrabatt gilt seit Anfang Mai und soll Medienberichten zufolge Ende Juni auslaufen. Er koste Deutschland insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro, rechnet Zurawski vor. Sein Unternehmen, sagt er, hätte für dasselbe Geld "10.000 Schnellladesäulen mit 20.000 Ladepunkten bauen" können.
Vattenfall positioniert sich in Deutschland immer mehr als Verfechter der Energiewende. Lange war das Unternehmen ein klassischer Kraftwerksbetreiber mit Kohlekraftwerken in der Lausitz und Atomkraftwerken in Schleswig-Holstein. Inzwischen setzt sich das Geschäft in Deutschland vor allem aus Strom- und Gasverkauf an fünf Millionen Kunden, 40 Prozent der deutschen Pumpspeicherkapazitäten und erneuerbaren Energien zusammen.
Dazu passend sagt Zurawski Sätze wie: "Die Energiewende hilft schon jetzt, die Auswirkungen des Irankriegs auf die Energiepreise in Deutschland zu dämpfen." Und: "Die politisch forcierte Transformation der Industrie zu mehr Klimafreundlichkeit wird oft als Belastung dargestellt. Aus meiner Sicht ist sie ein Industrieförderprogramm und steigert unsere Wettbewerbsfähigkeit."
Der Vattenfall-Manager bestärkt damit eine Argumentation, die immer öfter von Vertretern der Erneuerbaren-Branche zu hören ist: Die Energiewende sei nicht nur wichtig fürs Klima, sondern auch entscheidend für die wirtschaftliche Souveränität Deutschlands. Doch das Gespräch mit Zurawski zeigt auch: Die Umsetzung ist noch schwierig.
Genehmigung für Netzanschlüsse zu schwierig
Für den Ausbau erneuerbarer Energien hat Vattenfall große Pläne in Deutschland. Das Unternehmen will für Windkraft an Land rund 30 Projekte mit einer Gesamtleistung von etwa 1,5 Gigawatt genehmigen lassen - das entspricht etwa der Leistung von 1,5 Atomkraftwerken. Für das Geschäft mit Windkraft auf See beginnt das Unternehmen den Bau von Deutschlands größtem Windpark Nordlicht, der 1,6 Gigawatt Leistung haben soll.
Dazu kommen Solarparkprojekte mit einer Leistung von 5,2 Gigawatt und daran angeschlossene Batterien mit einer Leistung von vier Gigawatt, die derzeit in der Entwicklung sind. In Betrieb sind bereits fünf Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 0,15 Gigawatt. Fünf weitere Solarparks sollen dieses Jahr in Betrieb gehen.
Für die Umsetzung dieser umfangreichen Pläne gibt es jedoch Hürden. Zum Beispiel, weil Vattenfall nur Anlagen in Betrieb nehmen kann, die die Stromnetzbetreiber auch ans Stromnetz anschließen. Genehmigungen zu bekommen, ist allerdings schwierig, weil in Deutschland so viele Solaranlagen, Windparks, Batteriespeicher und Stromverbraucher einen Netzzugang haben wollen.
Das merkt Vattenfall sogar an einem ehemaligen Atomstandort des Unternehmens. Zurawski sagt: "Am Standort Krümmel wollen wir auch einen Batteriespeicher bauen. Allerdings wurde unsere Netzanschlussanfrage dort gerade abgelehnt." Vattenfall habe zwar noch den physischen Netzanschluss des ehemaligen Atomkraftwerks - aber um ihn wieder zu nutzen, bräuchte das Unternehmen eine Zusage des Netzbetreibers.
Erträge lassen sich nicht verlässlich planen
Ebenfalls erschwerend wirkt eine neue Regelung, die die Bundesregierung im Rahmen eines sogenannten "Netzpakets" einführen will: An vielen Orten produzieren erneuerbare Energien schon heute zeitweise mehr Strom, als das Netz in diesem Moment aufnehmen kann - etwa wenn die Sonne stark scheint und Photovoltaikanlagen deshalb besonders viel Energie liefern. In solchen Momenten müssen die Anlagen ihre Einspeisung reduzieren, erhalten aber bislang trotzdem eine Vergütung für den Strom, den sie hätten liefern wollen.
Diese Vergütung will die Bundesregierung großflächig einschränken. Die geplante Maßnahme ist in der Branche als "Redispatch-Vorbehalt" bekannt.
Den Ausbau erneuerbarer Energien würde das erschweren, weil sich die Erträge kaum noch verlässlich planen ließen. Zurawski sagt: "Ich hoffe, dass der Redispatch-Vorbehalt noch aus dem Netzpaket gestrichen wird. Die damit einhergehende Unsicherheit ist ein Dealbreaker für jede Investition. Wenn der Redispatch-Vorbehalt bleibt, werden wir in den betroffenen Gebieten kaum noch Investitionen tätigen können."
Am Mittwoch signalisierte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beim Energiebranchentreffen "BDEW Kongress", dass sich bei diesem Thema tatsächlich noch etwas bewegen könnte. Dort sagte sie auf der Bühne mit Blick auf den Redispatch-Vorbehalt: "Ich möchte Ihnen signalisieren, dass ich offen bin für alle Vorschläge."
Und sie stellte klar: "Ich möchte dem Vorwurf gerne begegnen, dass wir den Erneuerbaren eine Zumutung aufdrücken, die wir der Netzbranche abnehmen würden. Das ist nicht der Fall. Beide müssen investieren."
Politik müsse mehr tun, um zu unterstützen
Bezüglich seiner Windkraftprojekte auf See ist Zurawski zuversichtlich: "Offshore lohnt sich immer noch, und wir halten weiter an unserem Projekt Nordlicht fest."
Zuletzt schienen die Bedingungen für den Bau von Windkraft auf See schlecht zu sein: Im vergangenen Sommer gab es bei einer Auktion für Windkraftflächen auf See keinen einzigen Bieter. Und der Konzern Total Energies, der vor drei Jahren fast sechs Milliarden Euro für Offshore-Flächen bot, hat noch immer nicht gebaut und soll sogar erwägen, die Flächen wieder zurückzugeben.
Zurawski sagt: "Wenn Unternehmen tatsächlich ihre ersteigerten Offshore-Flächen zurückgeben sollten und sie neu ausgeschrieben würden, würden sich andere Entwickler und wohl auch wir diese Flächen anschauen."
Trotzdem findet der Vattenfall-Manager, dass die Bundesregierung mehr tun könnte, um zu unterstützen. "Die Förderung von erneuerbaren Energien - insbesondere von Windkraft auf See - ist auch ein Stück weit Industriepolitik. Bei Vattenfall in Deutschland arbeiten im Bereich der Erneuerbaren mittlerweile über 2000 Menschen."
Verteidigung von Wirtschaftsministerin Reiche
Kritisch sieht Zurawski auch Schritte der EU, ihr wichtigstes Klimainstrument abzuschwächen: Der europäische Emissionshandel, der große Unternehmen verpflichtet, für ihren CO2-Ausstoß Zertifikate zu kaufen, soll im Juli umfassend reformiert werden - mit Erleichterungen für die Industrie.
Zurawski sagt: "Wenn die EU den Emissionshandel abschwächt, untergräbt das das Vertrauen der Unternehmen. Diejenigen, die früh in saubere Technologien investiert haben, werden bestraft." Das sei eine fatale Botschaft.
Trotz aller Kritik an deutscher und europäischer Energiepolitik widerspricht der Vattenfall-Manager aber jenen, die Wirtschaftsministerin Reiche vorwerfen, die Energiewende aktiv behindern zu wollen. "Ich glaube, Katherina Reiche wird Unrecht getan, wenn sie als Fossillobbyistin dargestellt wird. Ich höre aus dem Wirtschaftsministerium, dass die grundlegenden Ziele der Energiewende nicht infrage gestellt werden, und das ist das Wichtigste.
Das Gespräch führte Catiana Krapp.
Der Artikel erschien am 11.06.2026 zuerst im "Handelsblatt": Tankrabatt: „Dafür könnte Vattenfall stattdessen 10.000 Ladesäulen bauen“


