"Ein gutes Energiesystem benötigt einen Mix an Energiequellen"

Anna Borg, Präsidentin und CEO von Vattenfall, sprach am Tag der feierlichen Einweihung des neuen Bürogebäudes ElbSide Hamburg mit Volker Mester vom Hamburger Abendblatt zum Energiemix der Zukunft, zur Entwicklung der Strompreise, zu neuen Angeboten für Kunden und zum Umzug.  

​Volker Mester, Hamburg

Vor 22 Jahren hat der schwedische Staatskonzern Vattenfall die traditionsreiche Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) übernommen – seitdem ist Vattenfall für Energiekunden in der Hansestadt ein vertrauter Name. Vor Kurzem hat das Unternehmen ein neues Bürogebäude am Amerigo-Vespucci-Platz bezogen. Darüber und über die Auswirkungen der Energiewende sprach das Abendblatt mit Anna Borg, die den Konzern mit Sitz in Stockholm seit November 2020 leitet.

Anna Borg im neuen Hamburger Bürogebäude von Vattenfall nahe den Elbbrücken am Amerigo-Vespucci-Platz

Mehr als 1400 Vattenfall-Beschäftigte sind in der Woche vor Pfingsten in ein neu gebautes Firmengebäude im Elbbrückenviertel gezogen. Welche Rolle spielt Hamburg eigentlich für Vattenfall?

Hamburg und insgesamt der deutsche Markt sind seit vielen Jahren sehr wichtig für Vattenfall. Wir haben mehr als fünf Millionen Strom- und Gaskunden in Deutschland, gemessen am Umsatz ist es mit Abstand der größte Einzelmarkt für uns. Alle unsere Energiehandelsaktivitäten sind in Hamburg angesiedelt. Außerdem planen wir hier Windparks und entwickeln Lösungen für die E-Mobilität. Ich bin sehr häufig hier in Hamburg und habe mich immer sehr gefreut, wieder hierher kommen zu können.

Bis vor einigen Tagen arbeitete ein Großteil der Hamburger Vattenfall-Beschäftigten in einem von dem berühmten dänischen Designer und Architekten Arne Jacobsen entworfenen Haus am Überseering. Fällt es nicht schwer, ein solches Architektur-Meisterwerk zu verlassen?

Dafür bietet das neue, nachhaltige Gebäude ja einen spektakulären Blick auf die Elbe! Sicher ist das Haus am Überseering eine Ikone, aber es ist etwas schwierig, dort die Flexibilität zu realisieren, die wir uns für ein zeitgemäßes Arbeitsumfeld wünschen. Vor allem aber sind nun alle Bereiche des Unternehmens an einem Bürostandort vereint – bisher hatten wir ja auch noch Büroflächen an der Dammtorstraße.

Zusammen mit dem Chemiekonzern BASF wird Vattenfall von 2026 an den „Nordlicht“-Windpark rund 85 Kilometer nördlich der Insel Borkum errichten. Was werden die Hamburger Vattenfall-Beschäftigten dazu beitragen?

Wir sind einer der führenden Entwickler von Offshore-Windparks in Europa und ein großer Teil des dafür verantwortlichen Teams sitzt hier in Hamburg. Mit einer Kapazität von gut 1600 Megawatt ist „Nordlicht“ das bisher größte Windpark-Projekt von Vattenfall. Die Hälfte des dort erzeugten Stroms wird BASF abnehmen. Ich bin mir sicher, dass es künftig noch mehr Zusammenarbeit von Versorgern mit Industriekonzernen geben wird, weil diese den „grünen“ Strom benötigen, um ihre Klimaziele zu erreichen.

Aber im vorigen Jahr ist Vattenfall aus einem vor der britischen Küste geplanten Windpark-Projekt ausgestiegen, weil die Kosten für die Errichtung stark gestiegen sind. War das ein Einzelfall oder muss man davon ausgehen, dass auch andere Entwicklungsprojekte fallen gelassen werden?

Grundsätzlich haben sich Rohstoffe wie Zement und Stahl überall verteuert und die Zinsen sind stark gestiegen, außerdem haben wir zeitweise Lieferengpässe bei Zulieferern gehabt. Manche Projekte sind schon weiter fortgeschritten als das genannte vor der Küste von Norfolk, andere liegen mit der Bauphase noch etwas weiter in der Zukunft und sind von dem Preishoch bei Rohstoffen voraussichtlich nicht mehr so stark betroffen. Das „Boreas“-Projekt lag genau in der Mitte. Für uns war es eine Frage der Prioritäten, schließlich arbeiten wir an etlichen anderen potenziellen Windpark-Entwicklungen.

Vattenfall will bis 2040 die Treibhausgasemissionen auf null bringen. Andere Versorger arbeiten ebenfalls an der Energiewende – mit hohen Investitionen. Was bedeutet das für die Strom-Verbraucherpreise?

Zunächst ist es wichtig zu sehen, dass Versorger wie Vattenfall schon immer sehr hohe Beträge investiert haben. Jetzt ersetzen wir konventionelle Kapazitäten durch Investitionen in erneuerbare Energien und bauen weitere fossilfreie Anlagen in unser Erzeugungsportfolio ein. Außerdem haben wir ein erhebliches Stück des Weges schon zurückgelegt – gegenüber 2017 haben wir die CO2-Emissionen schon um mehr als 50 Prozent reduziert. Richtig ist aber: Für die Gesellschaft als Ganzes sind die Kosten der Umstellung kompletter Energienetze eine Herausforderung, und damit auch für unsere Kunden. Damit wird sich für die Politik die Notwendigkeit ergeben, die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft zu schützen, damit sie nicht überfordert werden.

Sie haben schon zuvor die deutlich gestiegenen Kosten für den Ausbau der erneuerbaren Energien angesprochen. Kann es sein, dass wir uns die Energiewende schlicht nicht mehr leisten können?

Nein, das glaube ich nicht. Die Umstellung auf „grünen“ Strom findet definitiv statt. Das ist für Europa letztlich auch eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Zudem muss man die Kosten für die Energiewende vergleichen mit den Kosten, die der Klimawandel künftig verursacht, wenn wir die Anstrengungen jetzt nicht unternehmen würden.

Warum spielt Solarenergie für Vattenfall bisher nur eine sehr geringe Rolle?

Konzernweit ist das tatsächlich so. In unserem Heimatmarkt Schweden ist der Anteil der Solarenergie bisher sehr gering – aus leicht nachvollziehbaren Gründen wie der begrenzten Sonneneinstrahlung während eines Großteils des Jahres und etablierter Alternativen wie Strom aus Wasserkraft. Aber gerade in Deutschland gehören wir im Hinblick auf Solarenergie zu den Großen. Bis Ende 2026 sind in Deutschland bis zu 28 neue Solarparks mit einer Kapazität von rund zwei Gigawatt in der Planung und könnten über Strompartnerschaften mit der Industrie vermarktet werden.

Welche Produkte und Dienstleistungen wird Vattenfall den Privatkunden in Hamburg künftig verstärkt anbieten – über die traditionellen Strom- und Gasverträge hinaus?

Ladeinfrastruktur für E-Mobilität ist ein wachsender Markt. Und tatsächlich erwarten unsere Kunden von uns heute nicht nur Strom- und Gasverträge, sondern Lösungen für die Energiewende zu Hause: Photovoltaik für Eigenheime ist für uns ein deutlich wachsendes Geschäft, genau wie Wärmepumpen oder Wallboxen. Hinzu kommen Produkte, mit denen man all das intelligent vernetzen kann, einschließlich Batteriespeichern.

Doch ist nicht der fachgerechte Einbau von Anlagen wie etwa Wärmepumpen ein echter Engpass?

Deshalb kooperieren wir auch mit dem Handwerk, um die Energiewende zu den Menschen nach Hause zu bringen. Hier sind wir dabei, eine größere Zahl von Installationsbetrieben in die Vattenfall-Gruppe einzugliedern, um sowohl die Installation von technischen Anlagen als auch den passenden Service anbieten zu können. Erste Betriebe gehören bereits zu uns.

Atomenergie trägt mit 37 Prozent zur Stromerzeugung des Vattenfall-Konzerns bei und Sie sind sogar sehr daran interessiert, in Schweden ein neues Kernkraftwerk zu bauen. Warum?

Wir betreiben Kernkraftwerke seit vielen Jahrzehnten, für uns ist das ein natürlicher Teil des Portfolios. Diese Kraftwerke haben verschiedene Vorteile: Sie benötigen nicht viel Fläche und sie sind sehr gut geeignet, eine verlässliche Grundlast zu liefern. Außerdem sind sie fossilfrei. Aus unserer Sicht benötigt ein gutes Energiesystem einen Mix an Energiequellen. Lange Zeit war es aus politischen Gründen aber nicht möglich, in Schweden ein neues Kernkraftwerk zu bauen. Das hat sich jetzt geändert.

Wann könnte ein solches Kraftwerk den Betrieb aufnehmen?

Das hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem dem Genehmigungsprozess. Unter idealen Bedingungen wäre das noch in der ersten Hälfte der 2030er-Jahre möglich.

Ist es für Vattenfall mit Blick auf das europaweite Geschäft insgesamt eher ein Vorteil oder eher ein Nachteil, ein Staatskonzern zu sein?

Dazu muss man wissen, dass Vattenfall zwar zu 100 Prozent dem schwedischen Staat gehört, wir unser Geschäft aber aus Eigenmitteln sowie aus am Kapitalmarkt aufgenommenen Mitteln finanzieren. Vattenfall wird sehr stark wie ein privates Unternehmen gesteuert. Ich denke, insgesamt ist es ein Vorteil, den Staat im Rücken zu haben, weil wir als verlässlicher Geschäftspartner gesehen werden, der langfristig und nicht in Quartalen denkt.

Das Gespräch führte Volker Mester (abendblatt.de). Das Interview erschien zuerst im Hamburger Abendblatt:
Vattenfall: Warum das Unternehmen auch in Zukunft auf Atomkraft setzt (abendblatt.de)

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