Fossile Verwundbarkeit überwinden: Europas Weg zu mehr Resilienz

Unter dem Titel "Weg von fossiler Energie: Wie die EU resilienter, sicherer und wettbewerbsfähiger werden kann" ist am 8. Juni 2026 ein Beitrag von Anna Borg, CEO von Vattenfall, im Climate.Table erschienen.

Anna Borg schreibt darin, dass Europas Wirtschaft nach wie vor hochgradig verwundbar ist und stellt dar, wie Europa seine Energiesysteme verlässlich dekarbonisieren könnte, um so Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit zu gewinnen.

Anna Borg, outside

Anna Borg, Präsidentin und CEO von Vattenfall

Der Krieg im Iran und die jüngste Eskalation im Nahen Osten rücken eine unbequeme Wahrheit wieder ins Zentrum: Europas Wirtschaft ist nach wie vor hochgradig verwundbar – nicht wegen fehlender Technologien, sondern wegen Europas Abhängigkeit von fossilen Energieimporten. Jeder geopolitische Konflikt in Förder- oder Transitregionen schlägt unmittelbar auf Preise, Inflation und Investitionsentscheidungen durch.

Das ist kein Ausnahmezustand, sondern ein strukturelles Risiko. 

Vor vier Jahren hat der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine dies bereits vor Augen geführt. Als CEO von Vattenfall, einem führenden europäischen Energieunternehmen, das sich konsequent dem Übergang zu einem fossilfreien Energiesystem verschrieben hat, sehe ich täglich, welche wirtschaftlichen Risiken fossile Abhängigkeiten für Industrie, Haushalte und ganze Volkswirtschaften bedeuten. Dekarbonisierung ist daher kein Luxus und keine rein klimapolitische Frage. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche Resilienz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit in Europa.

Eine CO₂‑arme Wirtschaft ist ein Standortvorteil.

Eine CO₂‑arme Zukunft ist wirtschaftlich rational. Emissionen verursachen Kosten – sei es durch teure fossile Importe, CO₂‑Preise, Zertifikate oder durch die Folgen des Klimawandels selbst. Emittieren wird Geld kosten. Wer heute weiterhin auf fossile Strukturen setzt, geht ein ökonomisches Risiko ein. Wer frühzeitig in fossilfreie Lösungen investiert, schafft Stabilität und Planungssicherheit. Gerade globale Krisen zeigen: Klimaschutz ist kein Gegenspieler wirtschaftlicher Stärke, sondern ihr Fundament.

Die fossile Abhängigkeit ist Europas Achillesferse.

Europa importiert rund 90 Prozent seiner fossilen Energieträger. Erdöl, Erdgas oder LNG sind damit für Europa deutlich teurer als für Wettbewerber wie die USA oder China – und sie sind geopolitisch hochriskant. Laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sind die Kosten für den Import fossiler Brennstoffe bereits in den ersten 44 Tage nach Beginn des Iran-Kriegs EU-weit um mehr als 22 Milliarden Euro angestiegen.

Die aktuellen Entwicklungen im Iran unterstreichen es erneut:

Fossile Energie ist nicht nur klimaschädlich, sondern macht Volkswirtschaften verwundbar. Die hohen und volatilen Preise fossiler Energien belasten Industrie, Haushalte und öffentliche Budgets – etwa in Form kurzfristiger staatlicher Entlastungen, die Symptome lindern, aber die Abhängigkeit weiter zementieren. Wer Resilienz will, muss an der Ursache ansetzen. Bezahlbare, fossilfreie Energie ist daher Europas einziger Weg zu dauerhafter Wettbewerbsfähigkeit.

Ein stabiles Energiesystem braucht Vielfalt und Flexibilität.

Der Weg in ein fossilfreies Energiesystem führt nicht über eine einzelne Technologie. Erneuerbare Energien, Kernenergie, Wasserstoff, Speicherlösungen, Biomasse und Abfall haben jeweils ihre Rolle. Der optimale Energiemix wird regional unterschiedlich sein. In jedem Fall braucht das Energiesystem aber Netze, Speicher und Flexibilität. Sie gleicht Schwankungen aus, verhindert Preisspitzen und reduziert Volatilität. Ein flexibles, integriertes Energiesystem ist der beste Schutz gegen externe Schocks – ob geopolitischer oder wirtschaftlicher Natur.

Verlässliche Politik schafft Investitionen.

Europa hat bewiesen, dass klare politische Rahmenbedingungen wirken. Über Jahrzehnte haben regulatorische Leitplanken Investitionen mobilisiert, Kosten gesenkt und industrielle Wertschöpfung aufgebaut. Dieses Vertrauen darf nicht verspielt werden – gerade jetzt, wo geopolitische Unsicherheiten zunehmen. Ein klares Bekenntnis zum Europäischen Green Deal, zum Europäischen Emissionshandel und verbindliche Klimaziele sind deshalb keine Belastung, sondern Investitionssignale. Politische Glaubwürdigkeit schafft Vertrauen – und Vertrauen lenkt Kapital.

Finanzanreize müssen konsequent auf Wirkung fokussieren.

In einer polarisierten Welt blockieren Debatten oft den Fortschritt. Doch globale Krisen erlauben keinen Stillstand. Gerade bei knappen Haushaltsmitteln muss jeder Euro maximale Wirkung entfalten. Direkte Elektrifizierung mit ausgereiften Technologien ermöglicht schnelle Emissionsminderungen, senkt Kosten und stärkt die Industrie. Gezielte Anreize, etwa für Elektrifizierung oder Strompartnerschaften mit der Industrie können Investitionshemmnisse auflösen und Europa im globalen Wettbewerb stärken.

Europas Stärke liegt im Vorangehen.

Der Iran-Krieg macht deutlich: Fossile Abhängigkeit ist kein theoretisches Risiko, sondern eine reale wirtschaftliche Schwäche. Europas Antwort darauf kann nur lauten, die Transformation konsequent voranzutreiben. Fossilfreiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlage für Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltigen Wohlstand. Wer heute zögert, zahlt morgen einen höheren Preis.

Der Artikel erschien am 8. Juni 2026 zuerst auf Climat.Table als Table.Standpunkt:
Weg von fossiler Energie: Wie die EU resilienter, sicherer und wettbewerbsfähiger werden kann • Table.Briefings

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