Wetterwissen als Wettbewerbsvorteil im Strommarkt: Wie präzise Prognosen Kosten senken und Netze entlasten
Der Strommix verändert sich rasant: Je mehr Erzeugung aus Wind und Solar kommt, desto stärker hängt die Planung von Wetterlagen ab – und desto teurer können Fehlannahmen werden. Präzise Vorhersagen und meteorologisches Know-how sind deshalb im fossilfreien Energiesystem nicht nur ein zusätzlicher Mehrwert, sondern elementar für die Vermarktung und Systemstabilität.
Im Energiehandel von Vattenfall in Hamburg arbeitet Malte Rieck im Team „Weather and Forecasting“ an genau dieser Schnittstelle. „Das Wetter ist mein strengster Prüfer“, sagt er – denn es liefert fortlaufend den Abgleich, ob Modelle und Annahmen richtig lagen.
Vom Wetter in den Markt: Prognosen, Gebote, Echtzeitkorrekturen
Strom aus Wind- und Solaranlagen wird auf Basis von Wetterprognosen vermarktet – entweder Day-Ahead (für den Folgetag) oder Intraday (am selben Tag). „Wir schätzen für den nächsten Tag die Einspeisung unserer Anlagen so präzise wie möglich ab und geben diese Mengen anschließend als Gebote in den Markt“, beschreibt Malte Rieck das Vorgehen. Dass um 12 Uhr täglich Gebote und erwartete Nachfrage zusammengeführt werden und sich daraus Preise bilden, ist Standard im Markt – trotzdem bleibt die Unsicherheit bei wetterabhängiger Erzeugung ein ständiger Begleiter.
Denn: „Hundertprozentige Treffsicherheit gibt es bei Wind und Sonne nicht. Ein Teil hängt bis zur tatsächlichen Einspeisung von der Wetterentwicklung ab.“, so Malte Rieck. Maßstab ist daher nicht Perfektion, sondern relative Stärke: „Wir wollen präziser sein als der Markt und die Fehlerquote so gering wie möglich halten.“
Warum Minuten zählen: Ausgleichsenergie vermeiden, Kosten begrenzen
Abweichungen zwischen Prognose und tatsächlicher Einspeisung können kurz vor Lieferung noch am Intraday-Markt ausgeglichen werden. Ziel ist, die Kosten für Ausgleichsenergie gering zu halten: Denn je größer die Abweichung, desto mehr Ausgleichsenergie muss beschafft werden – und die verursacht zusätzliche Kosten für die verantwortlichen Marktteilnehmer.
Gute Prognosen sind am Ende auch ein Kostenfaktor für das System: „Je genauer sich die Einspeisung aus Wind und Sonne vorhersagen lässt, desto weniger Ausgleichsenergie wird benötigt. Das erhöht die Effizienz im System insgesamt – und wirkt sich langfristig auch dämpfend auf die umgelegten Kosten und Marktpreise für Verbraucher aus“, erklärt Rieck.
Mehr Volatilität im System: Negative Preise, stärkere Ausschläge
Mit dem wachsenden Anteil wetterabhängiger Erzeugung wird der Markt insgesamt beweglicher – und in der Spitze extremer. Malte Rieck beobachtet: „Die Schwankungen im Markt haben spürbar zugenommen – die Preisbewegungen sind heute deutlich ausgeprägter“. Er beginnt den Tag mit der Analyse der Wetterlage und prüft, welche kurzfristigen Risiken die Einspeisung beeinflussen können – von Gewittern und Böen bis zu sicherheitsbedingten Abschaltungen oder Schnee auf Solarpanelen.
Auch das Phänomen negativer Preise ist an sonnigen Mittagen im Frühjahr oder Sommer, wenn sehr viel Solarstrom gleichzeitig ins Netz drängt, Normalität geworden. Das Angebot übersteigt die Nachfrage, Preise rutschen ins Minus. „Oft schalten wir dann großflächig ab, um keine Kosten zu verursachen“, so Rieck.
Datenflut und KI: Modelle kombinieren, Qualität steigern
Um Prognosen belastbarer zu machen, führt das Team „Weather and Forecasting“ Wetterprognosen, Strommodelle und weitere Informationen kontinuierlich zusammen – zunehmend mithilfe Künstlicher Intelligenz. Für eine hohe Prognosegüte werden verschiedene Wetter- und Strommodelle zu einem optimalen Mix kombiniert. Wetterabhängigkeit bedeutet stetig steigenden Datenbedarf.
Ausblick: Flexibilität wird zur zweiten Säule neben Erneuerbaren
Unterm Strich zeigt die Entwicklung: Mehr Erneuerbare brauchen mehr Flexibilität – im Netz, in Speichern und bei der Nachfrage. „Wir müssen Energie künftig intelligent lenken – speichern, verschieben, ausgleichen“, sagt Rieck. Energie wird damit je nach Lage direkt genutzt, in Großbatterien oder Pumpspeicher zwischengespeichert – und perspektivisch auch als Wasserstoff zeitlich entkoppelt. Zudem braucht es Smart Meter und dynamische Tarife, damit auch der Verbrauch flexibler reagieren kann.


