
Warum Finnland in Krisenzeiten stark ist
Stürme, Stromausfälle und zunehmend anfällige Sozialsysteme haben Fragen der Krisenvorsorge in Europa in den Vordergrund gerückt. Finnland wird oft als eines der am besten vorbereiteten Länder hervorgehoben. Was steckt hinter Finnlands Kultur der Vorsorge – und was können andere davon lernen?
Die letzten Monate haben gezeigt, wie schnell der Alltag durch einen Stromausfall beeinträchtigt werden kann. Der Wintersturm Johannes traf die nordische Region hart und ließ zehntausende Haushalte in Schweden und Finnland ohne Strom zurück. In Berlin wurde an einer Kabelbrücke durch Sabotage ein großer Stromausfallb verursacht, der über 45.000 Haushalte von Strom, Heizung und Internet trennte. Gleichzeitig zeigt die Invasion Russlands in der Ukraine weiterhin, wie anfällig die Energieinfrastruktur in einem Konflikt sein kann – und wie schnell sich die Folgen ausbreiten, wenn kritische Funktionen ausfallen.
Zusammen dienen diese Ereignisse als deutliche Mahnung: Wenn die Energieversorgung ausfällt, wird die Verwundbarkeit der Gesellschaft offensichtlich.
Finnland – wo Vorsorge zum Alltag gehört
Wenn es darum geht, wie gut eine Gesellschaft auf Krisensituationen vorbereitet ist, wird oft Finnland als Beispiel angeführt. Geografie und Klima spielen dabei eine wichtige Rolle – lange Entfernungen, kleine Gemeinden und wiederkehrende Stürme haben die Menschen seit jeher dazu gezwungen, mit vorübergehenden Störungen umgehen zu können. Dies hat eine Kultur der Vorsorge geprägt, die auf der Annahme basiert, dass Störungen auftreten können, sei es durch Natur, Technologie oder Geopolitik.

Malkus Lindroos, Energieberater bei Vattenfall in Finnland, beobachtet, wie Haushalte im ganzen Land von Stromausfällen betroffen sind und wie die Erfahrung wiederkehrender Störungen die Erwartungen und das Verhalten der Menschen prägt.
„In vielen Gebieten ist es nicht ungewöhnlich, dass nach einem Sturm mehrere Tage lang der Strom ausfällt. Das prägt die Einstellung der Menschen zum Alltag und ihr Verhalten, wenn etwas passiert“, sagt Malkus Lindroos.
Die 72-Stunden-Regel – eine klare Grundlage
Ein Eckpfeiler der finnischen Notfallvorsorge für Haushalte ist die Empfehlung, dass jeder Haushalt 72 Stunden lang ohne Unterstützung auskommen können sollte.
„Das Ziel ist nicht, dass jeder zum Prepper wird. Es geht darum, der Gesellschaft Zeit zum Handeln zu geben. Wenn die Haushalte die ersten drei Tage überstehen, können die Ressourcen dorthin gelenkt werden, wo sie am dringendsten benötigt werden“, sagt Malkus Lindroos.
Die Empfehlung ist nicht verbindlich, aber weithin bekannt und fest verankert.
Unterschiedliche Bedingungen für die Bewältigung längerer Ausfälle
Wie gut Haushalte mit längeren Ausfällen zurechtkommen, ist unterschiedlich. In Städten können drei Tage ohne Strom erhebliche Folgen haben. In ländlichen Gebieten können Haushalte viel länger zurechtkommen – nicht weil sie mehr Vorräte haben, sondern weil ihre Alltagssysteme bereits flexibler sind.
„Es ist nicht so, dass die Menschen widerstandsfähiger sind, sondern dass sie daran gewöhnt sind, dass Systeme nicht immer funktionieren. Das bedeutet, dass die Menschen weniger drastisch reagieren, wenn es zu einem Stromausfall kommt. Sie wissen, was zu tun ist“, sagt Malkus Lindroos.
Genau diese alltägliche Gewohnheit ist seiner Meinung nach ein zentraler Bestandteil der Vorsorge Finnlands.
Eine Kultur der Ausbildung und Zusammenarbeit
Die Vorsorge Finnlands basiert auf einer Kultur der gemeinsamen Verantwortung. Behörden, Schulen, Freiwilligenorganisationen und Unternehmen führen regelmäßig gemeinsame Übungen durch und haben Routinen etabliert.
Ein Beispiel dafür ist eine 24-Stunden-Übung in Helsinki, bei der 45 Menschen ohne Tageslicht und Wasser in einem Zivilschutzbunker lebten. Die Teilnehmenden mussten die Belüftung manuell bedienen und einfache Hygienelösungen verwalten, während die Temperatur im Bunker sank. Die Übung, über die in Helsingin Sanomat berichtet wurde, zeigt, wie Finnland die Zusammenarbeit zwischen Einwohnern und gesellschaftlichen Akteuren praktiziert.
„Wenn ich nur einen Ratschlag geben könnte, dann wäre es, den Alltag ohne Strom zu testen. So merkt man schnell, welche Bereiche des Lebens von Strom abhängig sind und welche trotzdem funktionieren“, sagt Malkus Lindroos.
Wenn die berufliche Rolle auf den Alltag trifft
Auf die Frage nach seiner eigenen Notfallvorsorge zu Hause erklärt Malkus, dass diese ihm teilweise in die Wiege gelegt wurde. Durch seine Outdoor-Interessen – Wandern, Skifahren und Wintercamping – verfügt er über die Ausrüstung und Erfahrung, um mehrere Tage in der Kälte zu überleben. „Ich habe Ausrüstung, um eine Woche lang im Schnee zu überleben. Damit bin ich persönlich recht gut vorbereitet“, sagt Malkus Lindroos.
Wie sich Finnland im Vergleich zu anderen Ländern auszeichnet
Malkus hebt drei Faktoren hervor:
- Vorbereitung ist eine Gewohnheit, keine Ausnahme
Störungen werden als etwas angesehen, mit dem die Menschen umgehen müssen. - Die Strukturen sind klar
Die 72-Stunden-Empfehlung und die bekannten Abläufe bedeuten, dass alle Akteure von derselben Grundlage ausgehen. - Die Robustheit ländlicher Gebiete erhöht den Durchschnitt
Ein erheblicher Teil der finnischen Bevölkerung lebt in kleinen Gemeinden, in denen alternative Lösungen nach wie vor die Norm sind.
Gleichzeitig betont Malkus, dass die Unterschiede zwischen den nordischen Ländern nicht so groß sind, wie oft dargestellt wird. Helsinki und Stockholm haben ähnliche Bedingungen, und auch andere Regionen in den nordischen Ländern sind an vorübergehende Störungen gewöhnt.
„Es gibt ebenso gut vorbereitete Gebiete in anderen Ländern. Finnland ist daher kein Einzelfall – aber die Kombination aus Gewohnheit, Kultur und Geografie schafft eine stabile Grundlage“, sagt Malkus Lindroos.
Europa folgt diesem Beispiel – verstärkter Fokus auf Vorsorge
Fragen der Sicherheit und Krisenvorsorge sind in Europa keineswegs neu, aber die sich wandelnde geopolitische Lage hat ihnen einen prominenteren Platz auf der Tagesordnung verschafft. Mehrere Länder arbeiten derzeit daran, die Fähigkeit der Haushalte zu stärken, die ersten Tage nach größeren Störungen zu bewältigen, sei es aufgrund von Extremwetter, technischen Ausfällen oder Cyberangriffen.
In Schweden wird die Vorsorge zu Hause regelmäßig im Rahmen der jährlichen Preparedness Week thematisiert, und in den Niederlanden bietet die Kampagne Denk Vooruit praktische Ratschläge für die ersten 72 Stunden. Im Vereinigten Königreich werden Empfehlungen im Prepare-Portal gesammelt, wo die Einwohner Anleitungen zu allen möglichen Themen finden, von Stromausfällen bis hin zu Cybervorfällen.
Diese Beispiele für Initiativen zeigen, wie die Vorsorge zu einem immer wichtigeren Bestandteil der gesellschaftlichen Planung geworden ist.
Sicherheit wird vor der Krise aufgebaut – nicht während sie stattfindet
Bei der Krisenvorsorge geht es nicht darum, um jeden Preis zu überleben, sondern darum, die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft zu stärken, wenn wichtige Dienste vorübergehend nicht verfügbar sind.
„Technologie ist wichtig, aber die Gewohnheiten der Menschen bestimmen, wie sie auf einen Ausfall reagieren. Wenn man daran gewöhnt ist, dass Dinge manchmal nicht funktionieren, ist es weniger überwältigend, wenn es doch einmal passiert“, sagt Malkus Lindroos.
Da immer mehr europäische Länder ihre Empfehlungen verschärfen, deutet der Trend auf dieselbe Erkenntnis hin: Resilienz wird im Alltag aufgebaut, Schritt für Schritt, durch Routinen, die auch dann funktionieren, wenn der Strom ausfällt.
Leitfaden: Wie Sie Ihr Zuhause nach finnischen Erkenntnissen auf Notfälle vorbereiten können
- Lebensmittel und Wasser für drei Tage
Wählen Sie nachhaltige Produkte und bewahren Sie zusätzliches Trinkwasser zu Hause auf. Planen Sie, ohne Strom kochen zu können. - Alternative Heizung
Decken, Schlafsäcke und Teelichter leisten gute Dienste. Sammeln Sie die Wärme in einem Raum. - Licht und Aufladen
Taschenlampen, Batterien, Powerbanks und ein Radio, das ohne Strom funktioniert, halten Sie auf dem Laufenden. - Gesundheit und Sicherheit
Bewahren Sie zu Hause einen Erste-Hilfe-Kasten, einige zusätzliche wichtige Medikamente und Hygieneartikel auf. - Bargeld und Kommunikation
Zahlungssysteme können ausfallen – bewahren Sie etwas Bargeld zu Hause auf. - Planen und üben
Verbringen Sie einmal einen Abend ohne Strom. So wird schnell deutlich, was fehlt.

Abonnieren Sie den Newsletter THE EDIT
THE EDIT ist der monatliche Newsletter von Vattenfall. Jede Ausgabe beleuchtet ein neues Thema aus der Welt der nachhaltigen Energie und der Fossilfreiheit.


