Wissenschaftler einig: Verlust der biologischen Vielfalt ist Geschäftsrisiko

Tier- und Pflanzenarten verschwinden in einem noch nie dagewesenen Tempo. Dies hat laut einem staatenübergreifenden wissenschaftlichen Bericht, der zudem über 100 Handlungsoptionen aufzeigt, auch schwerwiegende Folgen für die Wirtschaft.

Der Verlust der Natur ist nicht mehr nur ein ökologisches und soziales Problem, sondern hat mittlerweile das Ausmaß eines systemischen wirtschaftlichen Risikos erreicht. Dies ist eine zentrale Schlussfolgerung eines Berichts zur Bewertung von Wirtschaft und Biodiversität der Organisation Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES). IPBES ist das Pendant zum Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen im Bereich der Biodiversität.

Das Wachstum der Weltwirtschaft ging mit einem massiven Verlust an biologischer Vielfalt einher, wobei eine Million Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Gleichzeitig sind alle Unternehmen auf die eine oder andere Weise vom Reichtum der lebenden Welt abhängig. Daher können der Verlust der biologischen Vielfalt und der Natur in der Geschäftswelt nicht länger als „Nebensächlichkeiten“ behandelt werden. Stattdessen identifiziert der IPBES-Bericht den Naturverlust als systemisches Risiko – mit Folgen sowohl für die Wirtschaft als auch für das Wohlergehen der Menschen.

Wir können nicht länger sagen, dass wir nicht genug wissen. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Entscheidungsfindung, der Umsetzung und dem Handeln.

Dr. David Obura, der Vorsitzende der IPBES, steht mit verschränkten Armen am Ufer.

Dr. David Obura, der Vorsitzende der IPBES

„Alle Unternehmen sind in gewissem Maße von der Natur abhängig – manche indirekt, viele sehr direkt –, und alle Unternehmen haben auch Auswirkungen auf die biologische Vielfalt“, sagt Dr. David Obura, Meeresökologe und IPBES-Vorsitzender. „Wir sehen derzeit, dass die Lieferketten selbst durch den Klimawandel, Umweltverschmutzung, Wasserknappheit und andere Faktoren gefährdet sind. Wir haben jetzt die planetarischen Grenzen erreicht, daher ist es unerlässlich, die systemischen Risiken – und auch die systemischen Chancen, die die Natur für Unternehmen bietet – zu verstehen.“

Der Bericht wurde im Februar veröffentlicht und von Vertretern der mehr als 150 Regierungen, die Mitglieder von IPBES sind und drei Viertel aller Länder weltweit repräsentieren, angenommen. Diese Unterstützung durch die Regierungen ist ein entscheidender Schritt, sagt Obura:

„Das Bewusstsein für die grundlegende Rolle der Natur in unseren Volkswirtschaften hat sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt. Der anhaltende Druck und das Engagement von Unternehmen und Verbrauchern werden entscheidend sein, um dieses Bewusstsein in Taten umzusetzen.“

Über hundert Möglichkeiten zur Eindämmung der Probleme

79 Expert:innen aus 35 Ländern haben drei Jahre lang an diesem Bericht gearbeitet und dabei vorhandenes dokumentiertes Wissen, Veröffentlichungen und Datensätze zusammengetragen und ausgewertet.  

Neben seinen Schlussfolgerungen untersucht der Bericht auch über hundert Handlungsoptionen für Unternehmen, um ihre Auswirkungen und Abhängigkeiten anzugehen, sowie für Regierungen, Finanzinstitute, Konsumenten und andere Akteure, um diesen Wandel zu erleichtern.

„Wir können nicht länger sagen, dass wir nicht genug wissen. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Entscheidungsfindung, der Umsetzung und dem Handeln. Jeder hat eine Rolle zu spielen: Regierungen bei der Gewährleistung von Regulierung und Fairness, Unternehmen als Akteure des Wandels, Finanzinstitute bei der Kanalisierung von Ressourcen und Konsumenten, die entscheiden, was sie kaufen und welchen Druck sie ausüben. Bislang haben unsere Geschäftsmodelle dem Schutz der Natur nicht genügend Bedeutung beigemessen. Das ändert sich, und dieser Bericht hilft dabei. Doch solange unsere Wertesysteme und Entscheidungen die Bedeutung der Natur nicht wirklich widerspiegeln, wird der Rückgang der biologischen Vielfalt weitergehen“, sagt Obura.

Negative Folgen der Ausgaben

Es ist noch ein langer Weg bis zu einem Planeten im Gleichgewicht. Der Bericht zeigt, dass auf jeden Dollar, der auf naturpositive Weise ausgegeben wird, mehr als 30 Dollar entfallen, die negative Auswirkungen auf die Biodiversität haben. Allein im Jahr 2023 beliefen sich die naturnegativen Ausgaben auf 7,3 Milliarden Dollar. Ein Drittel dieser Summe, nämlich 2,4 Milliarden Dollar, stammte aus öffentlichen Ausgaben für umweltschädliche Subventionen, unter anderem für fossile Brennstoffe.

Helle Herk-Hansen, Leiterin des Bereichs Umwelt bei Vattenfall, in einem Büro sitzend

Helle Herk-Hansen, Leiterin des Bereichs Umwelt bei Vattenfall

Helle Herk-Hansen, Leiterin des Bereichs Umwelt bei Vattenfall, sieht mehrere klare Lehren, die daraus gezogen werden müssen.

„Die Kluft zwischen Investitionen mit negativen und positiven Auswirkungen auf die Natur ist besorgniserregend. Sie unterstreicht die wichtige Rolle, die Unternehmen bei der Bewältigung dieses Problems spielen, weist aber auch auf die Notwendigkeit hin, das Bewusstsein für die Situation und die Möglichkeiten zu ihrer Behebung zu schärfen“, sagt Herk-Hansen.

Der Bericht hebt zudem hervor, dass weniger als ein Prozent der börsennotierten Unternehmen über ihre Auswirkungen auf die Biodiversität berichten. Vattenfall gehört zu dieser Minderheit und arbeitet seit zwei Jahren nach einem neuen Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, der auch die Biodiversität abdeckt. So wurde beispielsweise ein Aktionsplan zur Erhaltung der biologischen Vielfalt bis 2030 erstellt, der die Arbeit im Bereich Biodiversität mit Zielen, Governance und strategischen Schwerpunkten festlegt.

„Unser Ziel ist es, dass die Energiewende naturverträglich verläuft. Dies erreichen wir, indem wir naturbezogene Aspekte in die Planung, Konzeption und den Betrieb unserer Anlagen einbeziehen. Zudem nutzen wir neue Technologien, um Auswirkungen zu überwachen, zu verfolgen und unseren Einfluss zu mindern, beispielsweise durch den Einsatz von KI, Drohnen und Satelliten. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit im Bereich der biologischen Vielfalt steht im Zusammenhang mit unseren Forschungsprojekten, die die Grundlage dafür bilden, dass unsere Entscheidungen zu Maßnahmen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Grundsätzlich geht die Verwirklichung unseres Ziels, fossilfrei zu werden, Hand in Hand mit unseren Bemühungen im Bereich der biologischen Vielfalt, da biologische Vielfalt und Klimawandel miteinander verknüpft sind.“

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