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Charlottenburg und sein Heizkraftwerk

Für die Städte der Zukunft sagen Trendforscher eine zunehmende Konkurrenz untereinander voraus – es geht darum, wie nachhaltig, lebenswert und modern eine Stadt ist. So ganz neu ist das nicht. Schon vor über 100 Jahren wetteiferten das zu dieser Zeit noch eigenständige Charlottenburg mit dem umgebenden Berlin um die Vorherrschaft in Punkto Fortschritt. Eines der wichtigsten Kriterien damals: Die Elektrifizierung. Im Jahr 1900 ließ die Stadt Charlottenburg, zu dieser Zeit eine selbstständige, stetig wachsende und wohlhabende Großstadt, das städtische Elektrizitätswerk Charlottenburg bauen.

Als der Magistrat von Charlottenburg im April 1897 erstmals mit den Stadtverordneten über eine eigenständige Energieversorgung diskutierte, befand sich die Stadt im Westen von Berlin im Umbruch. Die einstige Sommerfrische hatte vier Jahre zuvor die Marke von 100.000 Einwohnern übersprungen. Damit war sie zur ‚Großstadt’ aufgestiegen. Kaum zehn Jahre später sollte sich die Bevölkerung noch einmal verdreifacht haben.

Entlang von Spree und Landwehrkanal hatten sich Industriebetriebe angesiedelt. Wichtige Forschungs- und Lehranstalten wie die Technische Hochschule und die Physikalisch–Technische Reichanstalt waren nach Charlottenburg gezogen. Und auch Verbände und Interessenvertretungen hatten die wohlhabende Stadt am Rande Berlins für sich entdeckt. Das Rathaus vermittelt eine Vorstellung von der stark angewachsenen Verwaltung der jungen Großstadt. Und es zeigt durch seine Gestaltung den Anspruch, sich neben Berlin mit Stolz zu behaupten.

Selbstbewusste Charlottenburger

Gleichzeitig standen in diesen Jahren wichtige Entscheidungen über technische Neuerungen an. Sie waren als Weichenstellung für die Stadtentwicklung von großer Bedeutung. Darunter die Verhandlungen mit der ‚Hochbahngesellschaft’ über die Anbindung an das neu entstehende Berliner Schnellverkehrsnetz, der weitere Ausbau der Straßenbahnen und die Elektrifizierung von Bahnen, Gewerbe und Haushalten. In ihren Planungen und Verhandlungen bewiesen die Charlottenburger Politiker eine glückliche Hand und beeindruckendes Durchsetzungsvermögen. Davon zeugt die auf Charlottenburger Gebiet beginnende unterirdische Führung der U-Bahn.

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Städtisches Elektrizitätswerk Charlottenburg, 1900

Im Hinblick auf die Stromversorgung widersprach dem Selbstverständnis der jungen Großstadt die naheliegende Option, die seit Mitte der 1890er Jahre stark expandierenden ‚Berliner Elektricitäts-Werke’ (BEW) mit der Belieferung zu beauftragen. Magistrat und Stadtverordneten wollten ein eigenes Werk. Und so bekam den Zuschlag nicht die Berliner ‚Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft’ (AEG) – Muttergesellschaft der BEW und Vorgängerin der Bewag – als Lieferantin des Werkes, sondern die Elektricitäts-Aktiengesellschaft (EAG) aus  Frankfurt am Main.

Sie war geschäftlich am Zugang zum Berliner Raum interessiert, hatte 1899 ein günstiges Angebot eingereicht und war einverstanden, für zehn Jahre den Betrieb als Pächterin zu übernehmen und danach das eingespielte Werk der Stadt zu übergeben.

Charlottenburg schreibt Technikgeschichte

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Maschinenhalle des Elektrizitätswerkes Charlottenburg 1907, Foto: Vattenfall

Als Bauplatz bot sich ein Grundstück am freien Nordufer der Spree an. Hier stand ausreichend Brauchwasser zur Verfügung. Mit den Einmündungen des Landwehr- und Charlottenburger Verbindungskanals war die Kohlelieferung sichergestellt und mit der geplanten Besiedlung des Gebietes würde das Areal künftig eine zentrale Lage in der wachsenden Stadt einnehmen.

Am technischen Layout des Werkes und des zugehörigen Netzes beteiligte der Magistrat den erst 28-jährigen Ingenieur Georg Klingenberg. Er entwickelte sich in diesen Jahren zu einem der renommiertesten Kraftwerksplaner seiner Zeit. Das Kraftwerk verfügte über vier Wasserröhrenkessel und vier Tandem-Dampfmaschinen. Zwei von ihnen erzeugten 3.000 Volt Drehstrom, eine erzeugte 600 Volt Gleichstrom, und die vierte diente zur Reserve.

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Heizkraftwerk Charlottenburg, 1926, 1922 übernommen von der Bewag, Foto: Vattenfall

Da der Großteil des zu versorgenden Gebietes jenseits der Spree lag, wurde zeitgleich mit dem Kraftwerksbau eine Brücke gebaut. Der Siemenssteg führte die elektrischen Leitungen über den Fluss und diente als Fußgängerbrücke.  

Das älteste noch erhaltene Gebäude ist die Maschinenhalle. Sie wurde 1899/1900 im Stil der märkischen Backsteingotik mit einer prächtigen Schaufassade errichtet. Der 1928 errichtete Backsteinschornstein galt damals mit seinen 125 Meter als einer der höchsten Schornsteine Europas. Er wurde 2006 abgerissen.

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HKW Charlottenburg 2015, Foto: Matthias Barth

Das alte Kraftwerk repräsentiert heute mehr als einhundert Jahre Elektrifizierungs- und Industriebaugeschichte und steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Als frühes Drehstromkraftwerk, als Pionierbetrieb für Fernwärme, als Hochdruckkraftwerk und durch den Einsatz einer Dampfspeicheranlage hat das Heizkraftwerk Charlottenburg im Laufe seines Bestehens Technikgeschichte geschrieben.

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