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Wärmewende nach Berliner Art

Mit der Klimaneutralität bis 2050 hat Berlin eine ehrgeizige Agenda aufgestellt. Vattenfall läutet die dafür notwendige Wärmewende ein – das Business-Magazin Berlin to go berichtet von seinem Besuch im Heizkraftwerk Moabit und gibt einen Einblick hinter die Kulissen.

Es ist ein längerer Weg durch das historische Heizkraftwerk Moabit, bis man nach schmalen Korridoren und zahlreichen Türen im Herz des alten Gebäudes ankommt. Hier in der Warte flimmern unzählige Bildschirme, auf denen Flussdiagramme, Tabellen und Echtzeitaufnahmen aus dem Kraftwerk zu sehen sind.

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Die Leitwarte des Heizkraftwerkes Moabit. Foto: Vattenfall

Der Raum erinnert zu Recht an den Tower eines Flughafens. Die Mitarbeiter, die hier im Dauerschichtbetrieb ihre Acht-Stunden-Dienste absolvieren, sind so etwas wie Wärme- und Stromlotsen und sorgen mit wachem Blick und im Ernstfall mit persönlichem Einsatz dafür, dass dem Netz, das hier aus Moabit bespeist wird, nicht der Druck ausgeht.

Selbstverpflichtung für Biomasse

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Mehrmals täglich wird Biomasse für das Heizkraftwerk Moabit angeliefert, Foto: Reiner Freese

116 Jahre hat das Heizkraftwerk Moabit bereits auf dem Buckel und es setzt seit jeher fortschrittliche Standards. 1923 wurde hier die größte Dampfturbine ihrer Zeit betrieben, 1990 wurde ein neuer Block mit zirkulierender Wirbelschicht-Feuerung Wegbereiter einer umweltfreundlichen Technik, und 2013 wurde mit dem Einsatz von Biomasse erneut ein innovatives Kapitel Kraftwerksgeschichte aufgeschlagen. „Unsere Anlage wurde für die Mitverbrennung von naturbelassener Biomasse, in unserem Fall Holz, umgerüstet“, erläutert Gunther Müller, Chef der Vattenfall Wärme Berlin. „Perspektivisch können wir bis zu 40 Prozent der Fernwärmeleistung über Biomasse erbringen. Das Besondere ist ihre Herkunft: Das Brennholz stammt nämlich ausschließlich aus einem 150-Kilometer-Radius rund um Berlin – aus eigenem Anbau oder von Zulieferern, bei denen wir auf die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards achten.“ Damit ist Vattenfall in Berlin eine Art Öko-Selbstverpflichtung für Biomasse eingegangen. Für ein Heizkraftwerk vermutlich eine Weltneuheit. Noch ist der Hauptbrennstoff im Moabiter Kraftwerk zwar Steinkohle, doch die angestrebte Wärmewende wird auch das verändern.

Gas statt Kohle

Energieexperte Gunther Müller schaut voraus: „Wir werden die CO2-Ziele des Landes Berlin für den Wärmesektor umsetzen.“ Bis zum Zieljahr 2050 sollen 85 Prozent der CO2-Emissionen vermieden werden. Bereits 2020 ist eine Reduzierung um 50 Prozent anvisiert, die Gunther Müller für sein Unternehmen zusagen kann. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Wärmewende ist die Ablösung von Kohle durch Gas bis 2030. Für die Umrüstung der Standorte Moabit und Reuter West strengt Vattenfall gerade eine Machbarkeitsstudie an, um die Parameter für eine erfolgreiche Umsetzung festzulegen.

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Heizkraftwerk Klingenberg 2016, Foto: Vattenfall

Im Heizkraftwerk Klingenberg ist der Ausstieg bereits auf den 24. Mai 2017 terminiert. Vorstandssprecher Gunther Müller arbeitet mit seinem Team unter Hochdruck an der Umstellung der Anlage auf Gas. 600.000 Tonnen CO2-Emission können dadurch jährlich eingespart werden. Gleichzeitig ist in Marzahn eine Gas- und Dampfturbinenanlage geplant, die Anfang nächsten Jahres aufgebaut werden soll. Im Zusammenspiel werden diese beiden Standorte künftig die umweltgerechte Wärmeversorgung von mehr als 300.000 Haushalten im Berliner Osten garantieren.

Tauchsieder zur Wärmeversorgung

Zugleich steht ein weiterer großer Schritt an: Am Standort Spandau wird bis 2020 ein Steinkohle-Block durch eine Power-to-Heat-Anlage ersetzt. „Mit Power-to-Heat wandeln wir überschüssigen Strom aus regenerativer Energie in Wärme um. Sie müssen sich eine solche Anlage wie einen riesigen Tauchsieder vorstellen“, erklärt Gunther Müller.

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Heizkraftwerk Reuter West, Foto: Vattenfall

Am Standort Reuter West ist eine Power-to-Heat-Anlage mit einem Leistungsvolumen von 100 Megawatt geplant. 30.000 Haushalte können durch sie im Winter mit Fernwärme versorgt werden. „Bis 2030 streben wir eine Power-to-Heat-Versorgung von Berlin in einer Größenordnung von 300 Megawatt an“, so Gunther Müller. Den Vorreiter für die neue Technologie machen seit rund einem Jahr das Fernheizwerk Neukölln und seit diesem Sommer das Heizkraftwerk Buch. An beiden Standorten wird die Power-to-Heat-Technologie zur nachhaltigen Kraftkomponente.

„Der Energiegewinnungsmix ist ein entscheidender Erfolgsfaktor der Wärmewende. Über Biomasseerzeugung, Windenergie als Power-to-Heat, Wärmespeicher und Kraft-Wärme-Kopplung realisieren wir eine nachhaltige Strom- und Wärmeerzeugung, deren ökologische Standards sich obendrein punktgenau nachweisen lassen“, freut sich Energieexperte Gunther Müller. Man ahnt dabei: Die mit der Wärmewende verbundenen Investitionen sind beträchtlich. Im Zeitraum von 2009, als die Klimaschutzvereinbarung getroffen wurde, bis 2020 wird Vattenfall in Berlin rund eine Milliarde Euro investiert haben.

Zusammenarbeit für die Wärmewende

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Workshop zur Quartiersentwicklung Schöneweide, Bildmitte: Gunther Müller. Foto: Reiner Freese

„Die Energiewende für Berlin zu erreichen, ist ein komplexer Prozess, der maximal vom Engagement aller Beteiligten abhängt – das betrifft sowohl die notwendigen Aufwendungen als auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit“, gibt Gunther Müller dabei zu bedenken. Dazu haben die sechs Infrastrukturunternehmen BSR, BVG, BWB, GASAG, Vattenfall und Veolia auf dem EUREF-Campus in Berlin-Schöneberg das InfraLabBerlin gegründet. Die Unternehmen wollen gemeinsam Berlin als Vorreiter für die Entwicklung, Tests und Anwendung innovativer Technologien und Dienstleistungen etablieren. Auch der persönliche Austausch mit den Stakeholdern kommt nicht zu kurz.

Mit Blick auf die Wärmewende ist der konstante Dialog mit lokalen Partnern wie zum Beispiel dem Unternehmensnetzwerk Moabit unentbehrlich, um die Interessen der Menschen vor Ort mit den eigenen Zielen in Einklang zu bringen. Wärmewende, so betont Gunther Müller, sei ein Quartiersthema, weil die Versorgungsstruktur in Berlin historisch bedingt auf die Stadtteile zugeschnitten ist. Berlin als ehemals geteilte Stadt verwaltet heute das Erbe stark lokal zentrierter Versorgungsnetze.

Wärmewende für den Kunden

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10.000 Kubikmeter Speichermöglichkeit für Wärme in Neukölln, Foto: Vattenfall

Doch das ist nicht das einzig Besondere am Berliner Klimaziel. „Der breite Konsens, den wir in der Hauptstadt über die Partei- und Unternehmensgrenzen hinweg erleben, ist aus meiner Sicht einzigartig. Es herrscht ein genereller Einklang beim Energie- und Klimaschutzprogramm Berlins. Die gemeinsame Marschroute wird von allen Beteiligten kontinuierlich mitgestaltet“, lobt Gunther Müller. „Uns motiviert das ungemein bei allen Maßnahmen, die wir für die Wärmewende in Angriff nehmen.“ Und der Kunde – was kommt bei ihm von der Wärmewende an? „Bei allen Aufgaben auf operativer Ebene wird es am Ende die Herausforderung sein, unsere Kunden von unseren Produkten zu überzeugen.“

Von der großen Wohnungsbaugesellschaft über den internationalen Industriekonzern oder den nachhaltig arbeitenden Mittelständler bis zum preisbewussten Endverbraucher reicht das Spektrum der Vattenfall-Kunden. Für jeden von ihnen muss die Wärmewende erreichen, wofür jetzt die Weichen gestellt werden: klimaneutrale, leistungsstarke und wettbewerbsfähige Strom- und Wärmeversorgung „made in Berlin“. Die Energiearterien der Stadt pulsieren im Takt des Fortschritts. 116 Jahre Betriebsalter im HKW Moabit sind ein gutes Zeichen dafür, dass die Fähigkeit zur konstanten Veränderung zukunftsfähig gemacht hat.

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Experte Ines Hein

Als Redakteurin des Business-Magazins Berlin to go berichte ich regelmäßig über aktuelle Trends und Entwicklungen aus der Hauptstadtregion. Mein Fokus: Was gibt es Neues von den Unternehmen am Wirtschaftsstandort Berlin-Brandenburg zu berichten? Was macht unsere Region durch Innovationen und interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Modellregion? Das Thema Wärmewende reizt mich deshalb so sehr, weil wir aktuell den Wandel zur klimaneutralen Stadt hautnah miterleben dürfen.

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