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300 Jahre altes Schiffsruder gefunden

Bei den Vorbereitung zum Bau des neuen Offshore-Windpark Kriegers Flak wurden verschiedene Gegenstände, vermutlich aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, gefunden. Diese haben Unterwasserarchäologen jetzt geborgen, um sie genauer zu untersuchen.

Was genau an jenem Tag im 18. Jahrhundert geschah, als ein Schiff bei Kriegers Flak in der Ostsee sein Ruder verlor, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Das Ruder kann aber Hinweise auf Herkunft und Alter geben. Daher sind Unterwasserarchäologen des Wikingerschiffmuseums in Roskilde hinabgetaucht und haben das Ruder geborgen. Das 8,30 Meter lange Ruder wurde in 28 Metern Tiefe gefunden und wiegt 1,2 Tonnen. Das Ruder weist oben über dem Ruderstock einen charakteristischen, nach vorn gebogenen Abschluss mit drei runden Ornamenten auf.

Das geborgene Ruder auf dem Schiffsdeck - 8,30 Meter lang und 1,3 Tonnen schwer

„Als wir den Ruderkopf auf den Videoaufnahmen sahen, haben wir sofort recherchiert, ob wir in historischen Büchern mit Beschreibungen und Zeichnungen ein vergleichbares Ruder finden konnten. Und wir hatten Glück. Wir fanden in einem schwedischen Werk aus dem Jahr 1768, das Konstruktionszeichnungen von Schiffen enthält, ein Ruder, das genau mit dem von uns geborgenen Ruder übereinstimmte. Das Schiff im Buch trug die Bezeichnung Hållensk Hummer Hukare – es handelt sich also um einen ‚Huker‘. Die charakteristischen Ornamente am Ruderkopf kannte man auch von anderen Funden sowie von Abbildungen aus dem 17. Jahrhundert, beispielsweise von einem besser bekannten Schiffstyp, der ‚Fleute‘. Beide Schiffstypen waren im 18. Jahrhundert sehr weit verbreitet und transportierten Waren, beispielsweise aus Amsterdam, in die Städte an der Ostsee“, sagt Mikkel Thomsen, Kurator und Archäologe am Wikingerschiffmuseum, der für Unterwasserfunde in Ostdänemark verantwortlich ist, die älter als 100 Jahre sind und damit unter den Schutz des dänischen Museumsgesetzes fallen.

Vom Niedrigwasser-Ankerplatz zu Dänemarks größtem Windpark

„Nach unserer Überzeugung wurde Kriegers Flak aufgrund der verhältnismäßig geringen Wassertiefe vermutlich als Ankerplatz genutzt, wo man bei schlechtem Wetter darauf wartete, die Fahrt durch den Öresund fortzusetzen. Vielleicht war das Schiff auch Teil eines der um 1800 häufigen englischen Konvois in der Gegend. Es liegen nämlich auffällig viele Anker in diesem Flachwasserbereich“, sagt Morten Johansen, der ebenfalls Kurator und Archäologe ist und zu den Tauchern gehörte, die das Ruder geborgen haben.

Anker mit Ankerkette, im Hintergrund das Umspannwerk

Es wurden neben dem Ruder auch ein sogenanntes Seitenschwert eines anderen Schiffs und fünf Anker gefunden. An zwei Ankern war immer noch eine lange Ankerkette befestigt. Sie wurden am Meeresgrund umgebettet, um Platz für die Arbeiten an dem Windpark zu schaffen.

Minen, Bomben und historische Schiffsteile

Dorthe Reng Erbs-Hansen, bei Vattenfall für Untersuchungen des Meeresbodens verantwortliche Senior-Geophysikerin, erläutert: „Bei jedem Windpark muss eine Untersuchung des Meeresbodens durchgeführt werden, unter anderem, um abzuklären, ob es dort Objekte aus der Vergangenheit gibt, die älter als 100 Jahre sind und somit unter den Schutz des Museumsgesetzes fallen. Als wir den Meeresgrund in den jeweiligen Bereichen, in denen die Windanlagen aufgestellt werden sollen, auf nicht detonierte Minen und Bomben untersuchten, fanden wir neben einer deutschen Wasserbombe und einer Mörsergranate auch andere Hinweise auf Metallobjekte. Einige von ihnen wurden als wahrscheinliche Kulturerbe-Objekte beurteilt und an das Wikingerschiffmuseum übergeben.“

Die Kuratoren und Museumsarchäologen Mikkel Thomsen und Morten Johansen betrachten das große Schiffsruder gemeinsam mit Senior-Geophysikerin Dorthe Reng Erbs-Hansen.

Laut den Archäologen gehört das Gebiet bei Kriegers Flak jetzt zu den am besten untersuchten Bereichen des dänischen Meeresgrunds. Bei den gerade abgeschlossenen Untersuchungen wurden insgesamt 118 mögliche kulturhistorische Objekte in Augenschein genommen, von denen 22 potentiell als kulturelles Erbe einzustufen sind. Drei Gegenstände wurden geborgen: das Ruder, das Seitenschwert und ein Mast.


„Strichcodes“ im Holz helfen bei der Datierung

Jetzt werden die Archäologen die Funde genauer datieren. Dazu wird unter anderem eine sogenannte Jahresringdatierung angewandt, bei der von jedem Objekt eine Probe entnommen und mit einer Art „Strichcode-Bibliothek“ der Jahresringe, beispielsweise aus Skandinavien, den Niederlanden und England, abgeglichen wird. Mit etwas Glück wird eine Übereinstimmung gefunden welche eine Bestimmung ermöglicht, woher und aus welcher Zeit das Holz stammt.

Eine andere Methode, mit der herausgefunden werden kann, aus welchem Land ein Schiff kommt, ist die Überprüfung der genauen Abmessungen zur Abschätzung einer Übereinstimmung mit englischen, niederländischen oder schwedischen Maßeinheiten.


Was geschieht mit den Gegenständen?

Die Gegenstände, die beim Bau des Windparks nicht stören und im Meer bleiben sollen, werden von einer Schutzzone umgeben. Für die Gegenstände, die geborgen wurden, gibt es, wenn diese nach Abschluss der Sammlung aller Daten durch die Archäologen des Wikingerschiffmuseums als aufbewahrungswürdig befunden wurden, drei Möglichkeiten: Entweder werden die Gegenstände konserviert und in eine Sammlung des Museums aufgenommen und eventuell ausgestellt. Wenn es keinen Abnehmer gibt, können die Gegenstände erneut im Meer oder in einer feuchten Lagerstätte an Land versenkt werden. Oder die Gegenstände können entsorgt werden. Insbesondere im letzteren Fall ist es wichtig, dass die Teile sorgfältig vermessen und beschrieben werden, damit man sie digital mit dem Rest des Schiffs zusammenführen kann, sollte dieses zu einem späteren Zeitpunkt gefunden werden. Die digitale 3D-Vermessung kann außerdem die Grundlage für virtuelle Ausstellungen und andere Formen der Vermittlung verwendet werden.

Ausschnitt einer Zeichnung aus dem Buch Architectura Navalis Mercatoria, herausgegeben im Jahr 1768 von Fredrik Henrik von Chapman, einem international anerkannten Fahrzeugkonstrukteur seiner Zeit. Er war unter anderem Leiter der Werft der schwedischen Flotte im schwedischen Karlskrona. Das Werk gehört jetzt dem schwedischen Seehistorischen Museum (SJÖHISTORISKA MUSEET). Foto&copyright: Vikingeskibsmuseet i Roskilde


Über den Windpark Kriegers Flak

  • Mit einer Erzeugungskapazität von rund 600 Megawatt wird Kriegers Flak Dänemarks größter Windpark

  • Die Produktion des Windparks entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von 600.000 dänischen Haushalten.

  • Die 72 Windanlagen haben jeweils eine Gesamthöhe von 188 Metern und jedes Fundament wiegt bis zu 800 Tonnen.

  • Der Windpark liegt in der Ostsee, 15 bis 40 Kilometer von der dänischen Küste entfernt.

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