Der erste Schritt zur Fossilfreiheit ist ein Übergang von Kohle auf Erdgas

Magnus Hall, Präsident und CEO von Vattenfall, sprach mit Olaf Preuß von der Tageszeitung Die Welt über die Klimabewegung "Fridays for Future", das Unternehmensziel fossilfrei innerhalb einer Generation zu sein und Auto-Batterien für die Zukunft. Das Interview ist zuerst in der WELT AM SONNTAG erschienen:   

Als der europäische Energiemarkt Anfang des Jahrtausends liberalisiert wurde, kaufte der staatliche schwedische Stromkonzern Vattenfall zahlreiche Unternehmen und Beteiligungen in Nord- und Ostdeutschland. Vattenfall wurde der führende Stromanbieter in Berlin und Hamburg und betrieb den größten Teil der ostdeutschen Braunkohlekraftwerke und deren Tagebaue. Dieses Geschäft verkauften die Schweden 2016 wieder, vor allem um die Klimabilanz des Konzerns zu verbessern. In Hamburg wiederum musste Vattenfall nach einem Volksentscheid das Stromnetz und nun auch das Fernwärmenetz zurück an die Stadt veräußern. Auch in Berlin steht das Unternehmen als Betreiber des Stromnetzes unter Druck. WELT AM SONNTAG sprach mit Vattenfall Chef Magnus Hall, 60, über den Wandel des Energiegeschäftes in einer konfusen Zeit. 

Magnus Hall, Präsident und CEO von Vattenfall

Magnus Hall, haben Sie Ihre Landsfrau Greta Thunberg schon mal persönlich kennengelernt? 

Nein, aber ich habe sie einmal bei einer Veranstaltung gesehen. Mir gefällt, wie sie agiert. Sie lässt sich weder vereinnahmen noch abwimmeln. 
 
Wie sehen Sie die neue Klimabewegung, vor allem "Fridays for Future"? 

Die frühere Umweltbewegung – etwa in den 90er-Jahren – hat konkreter als die heutige gefordert, was wie geändert werden soll. Die neue Bewegung ist bei den Mitteln und Methoden für den Klimaschutz etwas vager, aber sie formuliert klare Fernziele. Das ist wichtig für den gesamten gesellschaftlichen Prozess, um bei diesem Thema voranzukommen. Unternehmen, die sich darauf nicht einstellen, werden große Probleme mit den Ansprüchen ihrer Kunden bekommen – und sicher auch mit der neuen Umwelt- und Klimaschutzbewegung. Ich sehe mit Optimismus, dass die neue EU-Kommission unter Führung von Ursula von der Leyen pragmatisch und auch mit wirtschaftlichem Sachverstand an das Thema herangehen will. 
 
Was genau meint Vattenfall, wenn Sie damit werben, "fossilfrei innerhalb einer Generation" zu sein? 

Wir meinen damit kein exaktes Jahr, sondern einen Zeitraum zwischen 2040 und spätestens 2045. Je früher, desto besser. Es ist der Zeitraum, in dem unsere Kinder ihrerseits Kinder bekommen. In Schweden ist dies bei Frauen im Durchschnitt mit 27,4 Jahren der Fall. Aber das kann natürlich nicht Grundlage unserer Werbung sein (lacht). Wichtig ist für uns vor allem, dass wir eine klare und verbindliche Aussage darüber machen, wohin der Weg für uns geht. 
 
Energieversorger sind so etwas wie das zentrale Feindbild der neuen Klimaschutzbewegung. Wie fühlt sich das für Ihre Mitarbeiter an? 

Ich sehe die Situation nicht so negativ. Kürzlich haben wir in einer gemeinsamen Machbarkeitsstudie mit der Stadt Berlin aufgezeigt, wie wir in der Energieversorgung dort bis spätestens zum Jahr 2030 aus der Nutzung von Kohle aussteigen. Die Studie haben wir auch mit der Beteiligung von Umweltverbänden erarbeitet. Wir wissen, dass wir etwas tun müssen, und wir gehen unseren Weg. Deshalb glaube ich nicht, dass die Kollegen bei Vattenfall unter Anfeindungen leiden. Sie sind im Gegenteil stolz darauf, dass wir diesen notwendigen Wandel mitgestalten. 
 
Bislang haben fossile Energien an Ihrer Stromerzeugung noch einen Anteil von etwa einem Viertel, vor allem Kohle und Erdgas. 

Ja, das wollen wir innerhalb der kommenden Generation auf null reduzieren. Der erste Schritt dahin ist ein Übergang von Kohle auf Erdgas, weil Erdgas bei der Verbrennung erheblich weniger Kohlendioxid freisetzt als Kohle. Danach wird Erdgas schrittweise durch technologische Lösungen wie etwa Wärmepumpen oder industrielle Abwärme ersetzt – und natürlich durch erneuerbare Energien. 
 
Sechs Prozent Ihrer Erzeugungskapazität ist Windkraft, rund 27 Prozent Wasserkraft – und 42 Prozent Atomkraft. Was geschieht damit? 
Das sind unsere derzeit noch sieben Kernkraftwerke in Schweden. Ein Block geht Ende Dezember vom Netz, ein weiterer Ende 2020. Die anderen laufen zunächst unbefristet weiter. Der Anteil der Kernkraft an unserem gesamten Energiemix wird aber deutlich sinken. 
 
Sie gehen davon aus, dass Energie in Zukunft vor allem in Form von Strom genutzt wird, etwa bei der Elektromobilität. Um das mit erneuerbaren Energien zu erreichen, müsste deren Kapazität in Europa deutlich ausgebaut werden. In Deutschland allerdings stößt der Ausbau der Windkraft an Land derzeit an Grenzen. Was wollen Sie tun? 

In Deutschland und in ganz Europa gibt es einerseits erhebliche Potenziale für das sogenannte Repowering, den Ersatz älterer durch neue, stärkere Windturbinen. Eine wesentliche Rolle wird außerdem der signifikante Ausbau der Offshore-Windkraft spielen. Wir werden uns auf beiden Feldern engagieren, vor allem aber bei der Offshore-Windkraft, mit der wir durch unsere eigenen Windparks auf dem Meer bereits sehr viel Erfahrung haben. 
 
Wasserstoff als Energiespeicher wird wichtig für die künftige Versorgung sein – speziell Wasserstoff, der mit Strom aus Windkraft- oder Solaranlagen erzeugt wird. Sie arbeiten an einigen Pilotprojekten. Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Technologie? 

Wir sehen viele Einsatzmöglichkeiten für Wasserstoff, obwohl die künftigen Geschäftsmodelle noch nicht klar sind. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist dabei die Industrie. In Schweden bauen wir derzeit eine Demonstrationsanlage, um bei der Stahlerzeugung Kokskohle durch Wasserstoff zu ersetzen. Wir wollen den Wasserstoff per Elektrolyse herstellen, speichern und ihn dann für den Produktionsprozess zur Verfügung stellen. Wichtig ist dabei auch, dass man den Einsatz von Energie damit künftig wesentlich flexibler gestalten kann als heutzutage. In der chemischen Industrie wiederum wird ökologisch erzeugter Wasserstoff bedeutend sein, um in der Verbindung mit Kohlendioxid synthetische Kohlenwasserstoffe herzustellen - als Rohstoffe zur Weiterverarbeitung in der Chemieindustrie. Es dauert aber sicher noch einige Jahre, bis wir erste große kommerzielle Projekte mit Wasserstoff haben werden. 
 
Mehr als 100 Jahre lang lieferten die Ölkonzerne die Energie für die Automobilität, nämlich Benzin und Diesel. Durch die Elektromobilität werden die Stromkonzerne wichtig. Wie vernetzen Sie sich mit der Autobranche? 

Wir sprechen intensiv mit Automobilherstellern, kooperieren bereits mit Honda und auch mit BMW zu Themen wie Batterien. Wir wollen, dass die künftige Infrastruktur für Elektromobilität für Nutzer und Kunden in erster Linie einfach zu handhaben ist. Und wir werden am Aufbau dieser Infrastruktur mitarbeiten. Dabei geht es aus unserer Sicht vor allem um das Laden der Autos zu Hause und am Arbeitsplatz, das wird den größten Anteil ausmachen. Nur ein kleiner Teil der Ladesäulen wird nach unserer Erwartung an Tankstellen oder an öffentlichen Plätzen stehen. 
 
Werden Elektrofahrzeuge vor allem durch Batterien oder Wasserstoff-Brennstoffzellen versorgt werden? 

Von beidem. Vor allem Lokomotiven oder Schwerlastfahrzeuge werden Strom für Elektromotoren eher aus Wasserstoff-Brennstoffzellen bekommen – speziell auch dort, wo Lastwagen künftig auf längeren Strecken keine elektrische Infrastruktur zur Verfügung haben werden, etwa Oberleitungen oder Induktionsflächen zum Aufladen der Batterien während der Fahrt. Kleinere Elektrofahrzeuge – also Pkw – werden wohl auch künftig vor allem von Batterien mit Strom versorgt werden. 
 
In Hamburg musste Vattenfall nach dem Volksentscheid von 2013 zunächst das Stromnetz und nun auch sein Fernwärmenetz zurück an die Stadt verkaufen. Wie geht es in Hamburg für Sie weiter? 

Wir sind enttäuscht, dass wir das Fernwärmenetz nicht, wie von uns vorgeschlagen, gemeinsam mit der Stadt Hamburg weiterbetreiben können. Abgesehen davon, werden zwei unserer wichtigsten Konzernbereiche von Hamburg aus geführt: das Geschäft mit der Windkraft, das innerhalb von Vattenfall am stärksten wächst, und der Energiegroßhandel. Wir werden in Hamburg auch weiterhin Strom an Endkunden verkaufen und auch Gebäudewärme, aber in kleineren, dezentralen Strukturen und nicht mehr wie bisher in einem zentralen Fernwärmenetz. Zu unserem Portfolio in Hamburg gehört auch das Kraftwerk Moorburg, unser größtes Kohlekraftwerk im Konzern. In der HafenCity bauen wir derzeit einen neuen Bürostandort für alle Hamburger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hamburg bleibt für Vattenfall ein starker Standort. 
 
Auch in Berlin hat Vattenfall Konflikte mit der Stadt, es geht um den künftigen Betrieb des Stromnetzes. Verlieren Sie dieses Geschäft auch? 

Wir sind in einem Rechtsstreit mit der Stadt, bei dem es um die Konzessionsvergabe für den Betrieb des Stromnetzes geht. Wir wollen mit der Stadt Berlin kooperieren und würden das Netz dort gern gemeinsam betreiben. Aber zunächst muss dieser Rechtsstreit geklärt werden und die Frage, ob es anschließend ein neues Verfahren zur Vergabe der Konzession geben wird. Die Bundesnetzagentur jedenfalls hat uns bestätigt, dass Vattenfall das Netz vorbildlich betreibt. 
 
WELT am SONNTAG vom 17.11.2019 - Ressort: WIRTSCHAFT 

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