Mit Investitionen aus der Energiekrise

Anlässlich des Handelsblatt Energie Gipfels 2023 ist der folgende Namensbeitrag von Anna Borg, CEO und Präsidentin von Vattenfall, im Handelsblatt Journal erschienen.

 

Anna Borg, CEO und Präsidentin von Vattenfall

Wir leben in herausfordernden Zeiten. Mit Russlands Krieg in der Ukraine ist Energie eine Waffe zur Destabilisierung Europas geworden. Die Strom- und Gaspreise sind stark gestiegen, die Volatilität auf dem Markt ist hoch und die Situation schwer vorhersehbar. Private Haushalte, Unternehmen, Industrien und Staaten stehen unter Druck. Wir müssen gemeinsam die kurzfristigen Auswirkungen abmildern und zugleich langfristige Lösungen finden. Wichtig ist, dass die jetzt eingesetzten Instrumente die notwendigen Investitionen in die Energiewende nicht aufs Spiel setzen.

Das grundlegende Problem liegt in der Kluft zwischen Energieangebot und
-nachfrage – sowohl in der gegenwärtigen Situation als auch mit Blick auf den künftigen Nachfrageanstieg aufgrund von Dekarbonisierung und Elektrifizierung der europäischen Industrie. Dies wird sich nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken.

Die einzige langfristige Möglichkeit, die derzeitige Situation zu überwinden, besteht in der Verringerung der Abhängigkeit von Erdgas-, Öl- und Kohleimporten und einer schnellen Abkehr von fossilen Brennstoffen. Wir benötigen mehr erneuerbare Energieerzeugung sowie den Aus- und Aufbau der Stromnetze – in einem höheren Tempo als heute.

Investitionen stärken statt gefährden

Die aktuelle Situation und ihre Auswirkungen auf Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen führen zu außerordentlichen Anstrengungen der Regierungen, um Unterstützung zu leisten. Auch als Energieunternehmen müssen wir alles tun, um unseren Kunden zu helfen, etwa mit Zahlungsplänen oder Hilfen beim Energiesparen.

Die Instrumente dürfen jedoch Investitionen nicht gefährden. Maßnahmen wie die Erlösobergrenze für Stromerzeuger schaffen Unsicherheit. Wenn Umsätze nur schwer kalkulierbar sind, werden Investoren zögern oder sich anderswo umsehen. Daher sollten Markteingriffe zeitlich befristet werden. Dauerhafte Marktinterventionen, wie derzeit auf europäischer Ebene diskutiert, werden die Probleme nicht lösen.

Es gibt keine schnelle Lösung für die Energiekrise. Die Bereitstellung neuer Kapazitäten erfolgt nicht über Nacht. Nicht in einem Monat, nicht in sechs Monaten oder einem Jahr. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Deshalb werden die Preise auch weiterhin hoch und unbeständig bleiben. Voraussetzungen für den Erneuerbaren-Ausbau und Anreize für eine effizientere Nachfrage schaffen: das ist der schnellste Weg, um hohe Strompreise zu senken.

Kurs halten in Krisenzeiten

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent zu senken und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Das ist ehrgeizig und sollte es auch sein. Die Instrumente sind bereits vorhanden, wir müssen sie nur nutzen und handeln. Die Transformation hat längst begonnen. Sie wird von mehreren Dynamiken angetrieben, die sich gegenseitig verstärken:

  • Innovationen sorgen für Kostensenkungen und stärken die Wettbewerbsfähigkeit neuer Technologien wie Batterien, Windkraft und neuerdings auch kleiner modularer Kernreaktoren.

  • Kunden erwarten nachhaltige Lösungen. Es gibt eine höhere Bereitschaft, für fossilfreie Produkte und Dienstleistungen zu zahlen.

  • CO2-Preise und Emissionshandel verändern die relative Wettbewerbsfähigkeit zwischen Technologien und treiben Innovationen voran. Die jüngste Verschärfung des EU-Emissionshandels stärkt die Anreize weiter.

  • Und auch der Finanzmarkt hat begonnen, Unternehmen, die auf fossile Brennstoffe setzen, als hochriskant zu betrachten. Die Finanzierungskosten solcher Unternehmen sind gestiegen.

Für Industrie und Verkehr sind Elektrifizierung und grüner Wasserstoff die Lösung zur Emissionsreduzierung. Mit unseren Stärken als einer der führenden Entwickler on Offshore-Wind in Europa steht Vattenfall im Mittelpunkt dieser Entwicklung. Operativ und sachkundig im nuklearen Betrieb sind wir bereit, die Möglichkeiten kleiner modularer Reaktoren zu nutzen, die auf den Markt kommen. Wir sind davon überzeugt, dass alle fossilfreien Energiequellen benötigt werden. Mit Lieferanten und Partnern entwickeln wir Innovationen, wie die Integration der Wasserstoffproduktion in unsere Erzeugungsanlagen. Wir liefern unseren Kunden Produkte, Dienstleistungen und elektrisches Laden in ganz Europa.

Untätigkeit ist das größte Risiko

Klar ist: Aus der Energiekrise kommen wir nur mit Investitionen heraus. Die Energieinfrastruktur muss in einem noch nie dagewesenen Umfang und Tempo aufgebaut werden. Wir sprechen von einer Revolution der Elektrifizierung. Wir sind bereit, in unseren Kernmärkten umfangreich in erneuerbare Energien zu investieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören ein marktorientiertes, zuverlässiges Marktdesign sowie schnelle, effiziente und zuverlässige Genehmigungsverfahren.

Niemand kann den Übergang allein bewältigen. Die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist entscheidend. Vattenfall ist Teil mehrerer strategischer Partnerschaften, die die Industrie bei ihrer Dekarbonisierung unterstützen: Dabei geht es um die Produktion von fossilfreiem Stahl und die Herstellung von synthetischem Flugbenzin. Manche nennen die Transformation und die erforderlichen Investitionen aus geschäftlicher Sicht riskant. Wir sind davon überzeugt, dass es genau das Gegenteil ist. Untätigkeit und die daraus resultierenden Konsequenzen sind riskanter als der Wechsel zu den Geschäftsmodellen von morgen.

Der Beitrag "Mit Investitionen aus der Energiekrise" erschien im Handelsblatt Journal als Sonderveröffentlichung zum Thema Energiewirtschaft von Euroforum Deutschland

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