"Erneuerbare Energien allein sind auch nicht gut"

Anna Borg, Präsidentin und CEO von Vattenfall, spricht mit Patrick Bernau von der F.A.S. über ihre Pläne für neue Kernkraftwerke, die Probleme des deutschen Stromnetzes und die übertriebene Hoffnung auf Wasserstoff.

Anna Borg

Anna Borg, Präsidentin und CEO von Vattenfall

Frau Borg, wie kommt die Energiewende voran?

Anna Borg: Die Richtung ist sehr klar - jeder weiß, wo es langgeht. Wir haben auch die Technik, die wir brauchen, und das Kapital. Aber alles geht noch viel zu langsam.

Warum?

Die Stromerzeugung und die Leitungen sind noch nicht dort, wo sie sein sollten. Die Genehmigungen brauchen Zeit. Und es gibt natürlich große Debatten über verschiedene Energiequellen und welche die wichtigsten sind. Das ist unglücklich, finde ich, denn wenn wir den Klimawandel mildern und die europäische Industrie wettbewerbsfähig halten wollen, dann brauchen wir alle nichtfossilen Energiequellen, die wir in die Hände bekommen können.

Wenn Sie das im Gespräch mit einem Deutschen sagen, dann sprechen Sie wahrscheinlich über Kernkraft.

Die Debatte läuft natürlich in jedem Land anders, und ich habe vollen Respekt dafür, dass jedes Land seinen eigenen Weg sucht, das hat auch mit der Geschichte und den vorhandenen Ressourcen zu tun. Wir betreiben Windanlagen im Meer und auf dem Land, wir betreiben Solaranlagen, große Wasserkraftwerke und Kernkraftwerke. Ich finde einen Mix aus allem gut. Das heißt nicht, dass jedes Land alle Energiequellen haben muss. Aber ich finde es nicht gut, wenn die Diskussion zu sehr polarisiert wird.

Einige deutsche Klimaaktivisten sagen: Wenn Wind- und Solaranlagen ausgebaut werden, dann brauchen wir das nicht mehr.

Nichts anderes als Wind und Solar?

Zumindest keine Atomkraft. Und am besten auch kein fossiles Gas mehr.

Fossile Kraftwerke müssen wir mit der Zeit abschaffen. Zum Glück hat sich die letzte Klimakonferenz auf so einen Appell geeinigt. Aber erneuerbare Energien allein sind auch nicht gut. Technisch ist vieles möglich, aber Strom sollte bezahlbar bleiben, gleichzeitig muss das Stromnetz stabil und widerstandsfähig sein.

Und ohne Kernkraftwerke ist es nicht stabil und widerstandsfähig?

Technisch kann man ohne Kernenergie schon ein stabiles Stromnetz bauen. Aber in vielen Teilen Europas ist die Kernenergie ein wichtiges Puzzleteil, zum Beispiel in Schweden und Finnland, in Frankreich und Großbritannien. Man muss ein Puzzle zusammensetzen, und das kann in jedem Land ein bisschen anders aussehen.

Hier in Davos hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gerade um Firmen geworben, die Künstliche Intelligenz entwickeln: Es gebe für sie in Frankreich billigen Strom, weil dort neue Atomkraftwerke gebaut werden.

Der Bedarf für die IT- und Kommunikationsindustrie wird exponentiell wachsen. Der Strom dafür sollte nicht nur günstig, sondern auch möglichst sauber sein. Das ist aber nicht das einzige Kriterium für Unternehmen. Es geht zum Beispiel auch um niedrige Temperaturen, damit die Kühlung weniger Strom braucht. Deshalb haben viele Techkonzerne in Skandinavien investiert. Dort ist es kühler als in Kontinentaleuropa, und es gibt auch günstigen sauberen Strom, zum Beispiel aus Wasserkraft. Übrigens können sich Unternehmen auch in Deutschland günstigen Strom zu garantierten Preisen jahrelang sichern: über Strompartnerschaften, wie wir sie für viele Solarparks abschließen.

Wenn Deutschland keinen Strom hat, weil die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, dann verlassen wir uns auf die europäischen Nachbarn - vor allem seit dem Atomausstieg?

So ist das.

Was halten Sie davon?

Ein integriertes europäisches Stromnetz ist viel effizienter und braucht weniger Kapazität als viele einzelne. Gut, dass es das gibt. Dann importiert und exportiert man eben manchmal. Deutschland hat eben die Herausforderung, dass das Energiesystem grundlegend umgebaut werden muss, und das sehr schnell, weil es sehr von fossilen Energien und importiertem russischem Gas abhängig war.

Ärgern Sie sich jetzt, dass Deutschland Ihr Stromnetz belastet - oder freuen Sie sich, dass wir Ihnen für unsere Netzstabilität Geld bezahlen?

Ich ärgere mich gar nicht über Deutschland. Die deutsche Wirtschaft ist der Motor der europäischen, in vielerlei Hinsicht. Der deutsche Strombedarf wird bis 2030 voraussichtlich um 40 Prozent steigen und könnte sich bis 2045 sogar verdoppeln. Für unser Geschäft aus fossilfreier Erzeugung und Energiedienstleistungen sehen wir hier große Wachstumschancen. Dabei habe ich vollen Respekt dafür, dass Deutschland sich seine Techniken aussucht. Aber natürlich braucht man ein Minimum an Stabilität in jedem einzelnen Land.

Ist Deutschland stabil genug?

Offenbar schon, denn das Stromnetz funktioniert. Sie müssen in Deutschland nur daran denken, dass in weniger stabilen Stromnetzen auch die Preise weniger stabil sind.

Auch Schweden möchte die Atomkraft ausbauen. Sie denken gerade über kleinere Kraftwerke nach.

Diese kleinen modularen Reaktoren sind eine interessante Technik, wenn auch nicht ganz neu. Sie beruhen auf der Kernenergie, die es heute schon gibt. Tatsächlich habe ich Ende vergangenen Jahres viele Länder besucht und mir die neuen Kernenergie-Projekte angesehen. In Ontario in Kanada zum Beispiel wird gerade so ein Reaktor gebaut, der wird wahrscheinlich 2028 als erster laufen. Bisher scheint das Projekt im Zeitplan zu sein. Diese Technik wird also kommen. Jetzt müssen wir klären: Wie sehr lassen sich diese Reaktoren standardisieren, damit sie tatsächlich preiswerter werden? Und wann wird die Technik günstiger? Da gibt es noch Unsicherheiten, aber wir sprechen mit den Lieferanten.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Die Erkenntnisse aus der Studie teilen wir mit dem Verwaltungsrat im Februar und dann mit unserem Eigentümer ...

... dem schwedischen Staat.

Wir sehen jetzt schon, dass die Technik nützlich ist und dass es unterschiedliche Anbieter gibt. Da entwickelt sich ein Markt. Wir sind noch nicht sicher, wann der Markt so groß ist, dass die Kosten sinken. Der Zeithorizont ist noch unsicher.

Diese Reaktoren produzieren auch recht viel Atommüll.

Das ist eines der wichtigsten Themen, um die wir uns kümmern müssen. In Schweden ist die Endlagerung gelöst. Wir haben eine Technik, die von der Regulierungsbehörde und juristisch anerkannt ist. Wir haben einen Ort ausgewählt und die nötigen Genehmigungen.

Es ist trotzdem gefährlich, Atommüll so lange lagern zu müssen.

Die Restrisiken müssen wir ernst nehmen.

Sie haben vorhin auch gesagt, die Genehmigungen für Stromleitungen brauchen so viel Zeit. Gilt das auch in anderen Ländern als Deutschland?

Das gibt es in allen europäischen Ländern, in jedem Land ein bisschen anders. Manchmal ist sogar die Installation von Photovoltaikanlagen kompliziert. In Deutschland ist schon einiges passiert, um die Genehmigungen von Windrädern zu vereinfachen, und das ist gut. Wir haben hier noch Probleme mit Offshore-Windrädern im Meer und der Vergabe der Lizenzen.

Was ist da Ihr Problem?

In Deutschland ist für die Vergabe vor allem wichtig, wer am meisten für den Zuschlag bezahlt. Das kostet die Unternehmen zunächst viel Geld, und dann bauen womöglich gar nicht alle. Das ist schwierig, denn das Wichtigste ist doch, dass die Windräder schnell gebaut werden und günstigen Strom liefern. Holland zum Beispiel legt mehr Wert auf Innovation und die Zusammenarbeit mit der Industrie. So wird der Ausbau gefördert, und die Industrie und die ganze Gesellschaft profitieren ebenfalls.

Sie sagen, Sie wollen in Deutschland wachsen. Aber die Wärmegeschäfte in Hamburg und Berlin haben Sie an die Städte verkauft.

Wir haben so viele Möglichkeiten zu investieren, dass wir gut darüber nachdenken müssen, wofür wir unser Kapital verwenden wollen. Stromerzeugung ist ein wichtiges Geschäft für uns, sowohl erneuerbare Energien als auch die Kernkraftwerke. Wachstumschancen in Deutschland gibt es zudem bei der Energiewende im eigenen Zuhause oder bei Strompartnerschaften mit der Industrie. Deshalb sind wir mit dem Verkauf zufrieden und freuen uns, dass die Stadt Berlin als neuer Eigentümer die klimaneutrale Umstellung genauso schnell weiterverfolgt wie wir.

Warum glauben Sie eigentlich nicht an Wasserstoff?

Ich glaube schon an Wasserstoff. Ich glaube daran, dass er für die Klimaneutralität eine wichtige Rolle spielen wird. Aber ich glaube eben auch, dass Wasserstoff vor allem in der Industrie gebraucht wird und dass er für die Stromproduktion weniger geeignet ist ...

... auch nicht in Dunkelflauten?

Man verliert Energie bei jeder Umwandlung - erst gewinnt man Wasserstoff, dann macht man ihn wieder zu Strom. Das lohnt sich nicht, zumindest wird er noch lange zu teuer dafür sein.

Wie soll man dann das Stromnetz stabilisieren, wo immer genau so viel Strom eingespeist werden muss, wie gerade gebraucht wird, wenn man keine Gaskraftwerke und nicht mal Wasserstoff hat?

Verschiedene Stromquellen haben unterschiedliche Charakteristiken. Wenn das Stromnetz gut genug ausgebaut ist, kann man auch im Netz noch etwas machen. Und dann brauchen Sie natürlich Grundlast-Kraftwerke, die immer Strom liefern ...

... Sie sind schon wieder bei der Atomkraft ...

... die Technik ist egal. Fließwasser-Kraftwerke sind auch grundlastfähig. Aber man braucht am Ende auch Flexibilität beim Kunden, der seinen Verbrauch nach dem Angebot richtet.

Und was halten Sie von Kernfusion?

Kernfusion ist eine sehr interessante Technik, aber sie ist noch lange nicht kommerziell einsetzbar. Irgendwie heißt es immer, sie komme in 20 oder 30 Jahren. Aber es gab vor Kurzem einige Durchbrüche, mit denen es jetzt vielleicht schneller geht. Wir verfolgen die Entwicklung genau. Ich bin sicher, dass daran weiter geforscht wird.

Das Gespräch führte Patrick Bernau. Das Interview erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.):
„Erneuerbare Energien allein sind auch nicht gut“

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