"Wir brauchen eine praxisnahe Definition von Agri-PV"

In Mecklenburg-Vorpommern will Vattenfall eine sogenannte Agri-PV-Anlage mit 78 MW Leistung errichten. Dies soll kein Einzelfall bleiben, sagt Claus
Wattendrup, Geschäftsführer der Vattenfall Solar GmbH. 

Claus Wattendrup, Chef der Geschäftseinheit Solar & Batteries bei Vattenfall

Mit Artjom Maksimenko von der Onlineplattform energate sprach Claus Wattendrup über das Potenzial und die Hürden der Technologie. Das Interview erschien am 27. Februar 2023 im energate messenger+.

energate: Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass bei einem Mix aus PV-Modulen und Ackerflächen die Wirtschaftlichkeit der Projekte nicht gegeben ist. Trotzdem will Vattenfall das Projekt förderfrei umsetzen. Warum?

Wattendrup: Die Definition von Agri-PV im EEG ist sehr eng gefasst und nicht sehr praxisnah. Das sieht man an den deutlich unterzeichneten Ausschreibungsrunden. Ich kenne niemanden in der Branche, der Agri-PV im EEG nach der aktuellen Definition bauen würde, das rechnet sich schlicht nicht. Dies könnte und sollte geändert werden, nicht durch höhere Förderung, sondern eine praxisnähere Definition von Agri-PV. Die Diskussion um genaue Prozentpunkte bei den Flächenanteilen für Agri-PV oder Ertragswerte halten wir für praxisfern. Wichtig ist doch, dass dort weiterhin Landwirtschaft wirtschaftlich betrieben werden kann. Starre Vorgaben sind an dieser Stelle investitionshemmend. Kurzum: wir setzen das Projekt Tützpatz nicht trotzdem förderfrei um, sondern gerade deshalb.

energate: Wie genau werden Sie das Projekt gestalten und welche Erfahrungen nehmen Sie dafür aus dem "Symbizon"- Pilotprojekt mit?

Wattendrup: Im Projekt Symbizon testen wir zusammen mit Forschungseinrichtungen verschiedene Nutzungsarten und landwirtschaftliche Maschinen. Die PV-Anlage ist gerade in der Inbetriebnahmephase und soll in Kürze komplett ans Netz gehen. Hier setzen wir auf bifaziale PV-Module, die auch das Licht, das auf ihrer Rückseite auftrifft, zur Stromgewinnung nutzen. Sie stehen zudem auf einem einachsigen Trackersytem und werden dem Stand der Sonne nachgeführt. Die Abstände zwischen den Modulreihen sind größer, um die Fläche für Landmaschinen befahrbar zu halten. Die höhere Stromausbeute der bifazialen Module kann das teilweise kompensieren. Symbizon ist mit 0,7 MWp auf rund einem Hektar Fläche jedoch relativ klein. Mit den 76 MWp von Tützpatz skalieren wir jetzt um mehr als den Faktor 100 hoch, das ist schon ein großer Schritt.

energate: Wie ordnen Sie das Potenzial von Agri-PV-Technologie
in Deutschland ein?

Wattendrup: Die Idee der doppelten Flächennutzung ist grundsätzlich gut, insbesondere vor dem Hintergrund der Diskussionen um das "Entweder-Oder", Stichwort Flächennutzung in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland. Entweder für Solarstrom oder für die Landwirtschaft. Wir wollen zeigen, dass beides möglich ist - dort wo es sinnvoll ist. Denn Agri-PV kann jetzt nicht die große Freiflächen-PV ersetzen, das hängt immer von den Gegebenheiten vor Ort ab. Beide Erzeugungsformen haben ihren Platz im System. Experten prophezeien der Agri-PV ja ein enormes Potenzial, von bis zu einem vierstelligen GW-Bereich ist da die Rede. Das sehen wir unter den aktuellen Rahmenbedingungen so nicht. Zudem stellt sich die Frage, was der Bund fördern will. Kleine Projekte im Boutique-Stil, im einstelligen MW-Bereich? Das halten wir nicht für wirtschaftlich. Kurzum: das Potenzial ist vorhanden, aber - wie auch an vielen anderen Stellen der Energiewende - müssen die regulatorischen Stellschrauben richtig eingestellt und vor allem die administrativen Prozesse deutlich beschleunigt werden.

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